Verschnittene Organisatoren - Zu Ivan Kulnevs Russland-Collagen im Boeckh-Haus der Humboldt-Universität

Collage – Gesicht – Parole 

 

Verschnittene Organisatoren 

Zu Ivan Kulnevs Russland-Collagen im Boeckh-Haus der Humboldt-Universität 

 

Die Collagen zu „Gesichtern und Parolen“, die von der Geschichte Russlands im 20. und 21. Jahrhundert am Institut für Slawistik im nach dem Philologen und Altertumswissenschaftler August Boeckh benanntem Haus in der Dorotheenstraße 65 erzählen, geben einen Wink auf das Verhältnis von Bild und Text, wie es von der Avantgarde der russischen Konstruktivisten in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts praktiziert wurde und in gewisser Weise weiterhin in Text-Bild-Medien praktiziert wird. Der junge Historiker und Künstler Ivan Kulnev knüpft an das Lenin-Zitat, dass die Zeitung „nicht nur ein kollektiver Propagandist und kollektiver Agitator, sondern auch ein kollektiver Organisator“ sei, in entlarvender Weise an. 

Organisation und Schnitttechnik, Fotografie und Text, Moment und Dauer, Erzählung und Fragmentierung treffen in den Collagen von Ivan Kulnev aufeinander. Indem Kulnev aus Zeitungen und Publikationen Fotos und Texte ausschneidet, bringt er sie auf den Bögen anders zusammen. In den 20er Jahren war es nicht zuletzt der Fotograf Alexander Rodtchenko, der auf diese Weise u. a. die Perspektive in der Fotografie auf radikale Weise befragte und in Collagen bearbeitete.  Im Text Die Linie aus dem Mai 1921 schreibt Rodtchenko konstruierend gegen die Zentralperspektive, die als vorherrschendes Text-Bild-Verhältnis weiterhin in den Zeitungen praktiziert wurde: „Diese Linie verknüpft das Vorhergehende mit dem Folgenden, wie in einem ganzheitlichen Organismus.“ Leninismus und Lineismus sind seither kontrovers diskutiert worden. 

Gehören die Collagen von Ivan Kulnev zur Bildenden Kunst oder zur Literatur? Oder sind sie gar ein Verfahren der Geschichtswissenschaft? Angelegt als eine durchaus historische Erzählung von Russland im 20. und 21. Jahrhundert bleibt diese wegen dem Modus der Collage fragmentarisch und ausschnitthaft. Es geht auch um die Identitätsfrage Russlands als Räte- oder Ratsunion mit dem сове́т/sowjet. Ist Russland der erstarkende Rest der Ratsunion, weil es um den Мозг сове́т geht? ─ Der Berichterstatter begibt sich mit der Kombination von сове́т/sowjet und Мозг/Homo sapiens aufs Glatteis, weil er kein Kyrillisch lesen kann. Gesucht wurde nach dem naturalisierten „Homo Sovieticus“. Existiert er? Immer noch? Gerade das Medium Zeitung hätte ihn nach Lenin allererst hervorgebracht. Das ist das Spannende an dem Projekt, das Ivan Kulnev jetzt als Fragestellung mit seinen Collagen unternommen hat.    

Technisch knüpft Ivan Kulnev mit seinen Collagen von „Gesichtern und Parolen“ genau in jenem Bereich an, in dem die Kontroverse um Rodtchenkos Lineismus entbrannte. An der Schnittstelle von Zeitung, Zeitschrift, Plakat etc., Text und Bild, Welt und Wirklichkeit wird in den 20er und frühen 30er Jahren in der Sowjetunion und weltweit debattiert. Rodtchenko erarbeitet dabei vor allem ein Archiv unterschiedlichster Linien und gefährdet allein damit schon den Alleinvertretungsanspruch der Parteilinie. Zu einem wichtigen Diskussionsbereich wird das Portrait, auch als Selbstportrait, in der Fotografie als ein Bild vom Menschen. Wie soll der „neue“ Mensch der Sowjetunion aussehen? Welche Gesichtszüge soll er tragen?  

Nach Lenin und dem zwischenzeitlich zur Parteilinie erhobenen Leninismus geht es um die Organisation und Konstruktion nicht nur eines Staates, vielmehr seiner narrativen wie visuellen Publikation in der Zeitung. Im Umfeld dieser breiten Diskussion publiziert Walter Benjamin 1928 sein Buch EINBAHNSTRASSE und etwas später Die Zeitung (1934), wie kürzlich besprochen. Anders als im Leninismus wird die Zeitung allerdings bei Benjamin gerade zum Ort einer „Literarisierung der Lebensverhältnisse“ in einem unablässigen literarischen Prozess, während die Parteilinie eine Linie ohne Abweichungsmöglichkeiten vorgibt. Dabei funktioniert die Parteilinie gerade nicht als inklusive, sondern exklusive Strategie nachdem die 20er und frühen 30er Jahre noch unter dem Vorzeichen von Inklusion und Öffnung formuliert worden waren.  

Ivan Kulnev hat auf einer seiner ersten Collagen für die 20er Jahre zwei sehr sprechende Texte in eine Konstellation gebracht. Die Umbrüche in der „postrevolutionären Ära“ werden einerseits auch Bild mit dem „Aufsatz „Nieder mit dem Tannenbaum“ aus dem beliebten gesellschaftspolitischen Journal „Ogonjok““ und dem Begriff der „Homosexualität“ in einer sowjetischen Enzyklopädie der 20er Jahre. Journal und Enzyklopädie funktionieren in der Umbruchsphase als Medien von Ausschluss – Tannenbaum – und normalisierender Einschließung des „Homosexuellen“.  

… die sowjetische Einstellung zu den Besonderheiten und Unterscheidungsmerkmalen der Homosexuellen fällt bei weitem nicht mit der zusammen, die wir im Westen beobachten. Die Gesellschaft, auch wenn sie sich der abweichenden Entwicklung des Homosexuellen bewusst ist, kann und darf die Schuld für diese Besonderheiten nicht auf ihre Träger abwälzen. Dieserart wird in bedeutendem Maße die Mauer eingerissen, die sich naturgemäß zwischen dem Homosexuellen und der Gesellschaft erhebt und erstere dazu zwingt, sich tief in sich selbst zurück zu ziehen… Unsere Gesellschaft erschafft, neben prophylaktischen und heilenden Maßnahmen, alle notwendigen Bedingungen dafür, dass die existentiellen Konflikte der Homosexuellen möglichst schmerzlos verlaufen und die für sie typische Entfremdung im Kollektiv aufgehoben wird. (Zitiert nach Übersetzung von Ivan Kulnev) 

Den Collagen sind von Ivan Kulnev allein schon wegen der kyrillischen Schrift und der russisch-sowjetischen Sprache ausführliche Paraphrasierungen bzw. Übersetzungen beigegeben. Die sowjetische Strategie der Einschließung ins „Kollektiv“ kann in den 1920ern zumindest als diese, wenn auch terminologisch schwierige formuliert werden. Während Magnus Hirschfeld eine tendenziell unendliche Variation der „Zwischenstufen“ in Berlin formuliert, erforscht und 1930 als Sexualwissenschaftlichen Bilderatlas zur Geschlechtskunde publiziert, bleibt in der „sowjetischen Einstellung“ eine deutliche Dichotomiesierung zwischen der implizit als natürlich, homogen und mehrheitlich formulierten Gesellschaft und den „Homosexuellen“ erhalten. Prophylaxe und Heilung werden den abweichenden „Homosexuellen“ mit „ihren existentiellen Konflikte(n)“ versprochen und in gleichem Maße angedroht, weil ein gesunder Mensch nach „sowjetischer Einstellung“ nicht homosexuell sein kann, d. h. vor allem nicht sein soll und darf. 

Die Abschaffung des Tannenbaums wird in der Räteunion in der vermeintlich offenen Umbruchsphase publizistisch und enzyklopädisch mit gleicher Heftigkeit betrieben wie die Prophylaxe, Heilung und Inklusion des „Homosexuellen“. Entscheidend ist bei dieser Phase der Organisation von Menschbild und Lebenswirklichkeit, dass sie vor allem in den Begrifflichkeiten von Wissensformationen stattfindet. Das Wissen wird dabei mit „Besonderheiten und Unterscheidungsmerkmalen“ geradezu zeichentheoretisch formuliert. Denn das Merkmal als ein Konstrukt aus Zeichen und Bezeichnetem macht allererst die „Homosexuellen“ zu einem Umbruchsprojekt, in dem „die Mauer eingerissen“ werden soll. Anders gesagt, und deshalb handelt es sich hier keinesfalls um „das pikante Thema „Homosexualität““, wie Ivan Kulnev es vorsichtig zu formulieren versucht, es geht um ein entscheidendes Problem des Homo Sovieticus als positives Identitätskonstrukt in Begriffen, Parolen und Gesichtern. 

Die „sowjetische Einstellung“ und ihre Strategien selbst in der Umbruchphase funktionieren nach den Modi der in gesetzesförmigen Fünf-Jahresplänen ausgegebenen semiologischen Verkopplung von Wort und Bild. Das Wort nimmt immer und weiterhin eine gesetzesförmige Funktion ein, was beispielweise zur messianischen Geste des Wortes bei Walter Benjamin im krassesten Gegensatz steht. Bei Benjamin bleibt die Erfüllung des Wortes notwendiger Weise unendlich aufgeschoben. Im Leninismus ist das Wort immer Gesetz, was nicht zuletzt mit dem Sichtbarwerden der Gesichtszüge im Portrait zum Zuge kommt. Einerseits wiederholt Ivan Kulnev genau diese Zeitungspraxis mit den Gesichtern und Parolen in seinen Collagen, andererseits unterläuft er sie bisweilen um Haaresbreite, weil er andere, queere Konstellationen entstehen lässt. 

 

Die Collagen haben Titel bekommen wie Das Lächeln der Toten oder der außerordentliche Aufschwung von Abertausenden, Kohlenwasserstoff-Glück, Die Paradoxe der NÖP usw. Sie spielen damit an auf ein historisches Wissen von Russland und der Sowjetunion. Die Neue Ökonomische Politik/NÖP bzw. auf Russisch NEP НЭП - Новая экономическая политика, NEP – Nowaja ekonomitscheskaja politika seit 1921 definiert zwar eine Dezentralisierung und Liberalisierung wie mit der „Homosexualität“, doch die Wort-Bild-Konstruktion bleibt einer Zeigegeste verhaftet. Durch sie wird das Wort im Bild materialisiert, ließe sich sagen. Oder das Gesicht wird mit dem Wort zur homogenisierenden Macht der Abertausenden. Mit Kulnevs Russland-Collagen lassen sich diese Verhältnisse von Wort und Bild aufdecken. 

Die Parole bettet das Wort ein in die Syntax, womit es dabei immer um eine Taxonomie als eine Ordnung von Gesetzeskraft geht. Eine Parole wäre somit immer gesetzesförmig, weil das Wort eine möglichst starke Verortung erfährt. Des Weiteren soll die Parole möglichst kurz sein. Sie funktioniert als Kennwort, das sich durch geteiltes, meist geheimes Wissen eindeutig zuordnen lässt. Insofern kann die Parole auf eine Syntax verzichten, wenn sie eindeutig zuordenbar bleibt. In der Literatur sind allerdings genügend Parolen bekannt, die entweder nicht verstanden oder von Unbefugten zur Täuschung benutzt werden. Insofern seit Ferdinand de Saussure das Französische parole allerdings den Gebrauch der Sprache formuliert, berührt sie alle Schwierigkeiten der Sprache, die mit dem Gebrauch ausgeschlossen werden sollten.

Ivan Kulnev verwendet für seine Collagen „Photographien, Gedichte, Zitate, Karikaturen, Gemälde, Filme, Farben, Musiknoten“. Das erkennungsdienstliche Foto der Staatspolizei nach dem Modell von Alphonse Bertillon findet ebenso Verwendung wie Illustrierten-, Propaganda- und Reklamefotos. Aber es ist aus den Verbrecherkarteien entnommen und konstelliert worden. Mal werden die Fotos in Die Paradoxe der NÖP als „Schwarz-Weiß-Fotografien von fünf unschuldig verurteilten (später rehabilitierten) politischen Gegnern der Sowjetmacht" verwendet, mal wird ein Farbfoto von drei Bäuerinnen vor einem Holzhaus mittig positioniert und von unterschiedlichen Zeitungstexten gerahmt. In Kohlenwasserstoff-Glück wird eine Pipeline als „Faustpfand der Stabilität“ ins Zentrum gerückt. Das Glück der Stabilität durch den weltweiten Rohstoffexport wird zugleich zum Bild des Glücks und der „sozialen, wirtschaftlichen und politischen Stagnation“ der 70er- und 80er-Jahre.

Vielleicht ist Kohlenwasserstoff-Glück mit den Gesichtern glücklich strahlender Männer an damals hochtechnologischen Schalttischen und Kontrollwänden von Kraftwerken oder rußverschmierten Gesichtern von Bergbauarbeitern oder sich fröhlich an Webmaschinen unterhaltenden Frauen mit Kopftuch so etwas wie eine Schlüssel-Collage zum „Homo Sovieticus“ und wie er aktuell als Wiedergänger durch die russischen Staatsmedien geistert. Die Erfüllung vom Traum eines neuen, glücklichen Menschen bleibt in der Produktion geschlechtlich scharf getrennt. Ein Mann grinst an einem Steuer- oder Stellrad - vielleicht einer Pipeline - mit hochgeschobener Schutzbrille in die Kamera. Den Menschen in der Sowjetunion geht es gut in einer Produktion, die wirtschaftlich und technologisch längst abgehängt worden ist.

 

Rot leuchtet die Pipeline als Versprechen einer gesunden Ökonomie. Im Lichte einer „ökonomischen Politik“ erscheinen strahlende Gesichter im Moment des vermeintlich Erreichten, das sich gleichzeitig als veraltet, überholt und im höchsten Maße gefährdet erweist. Kulnev färbt das Zeitungsfoto von der Pipeline als trügerisches Versprechen rot ein. Es ist an den Platz des roten, kommunistischen Versprechens gerückt und zugleich Signal des drohenden Untergangs der Sowjetmacht. Die Ökonomie funktioniert vor allem als eine der Bilder und der Medien. Sie lässt sich vermeintlich berechnen und bringt berechenbar glückliche Menschen hervor. Doch genau darin liegt das Problem, das eine Perestroika/Umgestaltung notwendig werden lässt. Die Explosion der Bilder, Magazine und Texte geht einher mit der Implosion der berechenbaren Verhältnisse vor allem von Text und Bild. 

Die glücklichen Gesichter von Mann und Frau in der Produktion kehren heute auf andere Weise in den russischen Staatsmedien wieder, weil sie vermeintlich Stabilität in das Verhältnis von Bild und Text bringen. Es ist die Unzuverlässigkeit der Zeichen, ihre Arbitrarität, die den „Homo Sovieticus“ als Medienproduzenten Vladimir Putin wiederkehren lässt, während die industrielle Produktion und leider auch der Kohlenwasserstoff-Export hinsichtlich der Weltmarktpreise zusammengebrochen sind. Die queeren Collagen von Ivan Kulnev decken indessen auf, was immer schon in den Verhältnissen von Text und Bild am Werk war. Conchita Wurst und der Westen gefährden den „Homo Sovieticus“ deshalb so sehr, weil es längst nicht mehr sicher ist, ob eine schöne Frau einen schönen Bart hat oder ein Mann mit Bart schöne lange Haare und Kunstwimpern trägt. So manch ein queer King mit Bart aus Neukölln sieht kerliger aus als Putin. 

 

Torsten Flüh 

 

Ivan Kulnev 

Russland im 20. und 21. Jahrhundert 

in Gesichtern und Collagen 

Institut für Slawistik der Humboldt-Universität zu Berlin 

Boekh-Haus 

Dorotheenstraße 65, 5. Etage 

10117 Berlin

bis 6. Juni 2015 


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Categories: Kultur | Medien Wissenschaft

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