Versprechen der Therapie - Lothar Lamberts Zurück im tiefen Tal der Therapierten

Therapie – Familie – Lippenstift

 

Versprechen der Therapie

Lothar Lamberts Zurück im tiefen Tal der Therapierten

 

Am Donnerstag, den 14. Juni, hatte Lothar Lamberts Therapie-Thriller Zurück im tiefen Tal der Therapierten um 22:00 Uhr Premiere in der Brotfabrik. Das Event in der Brot & Tulpe-Gastronomie des Kulturkinos war mindestens so schräg wie der zu feiernde Film selbst. Denn Lust und Mord, Geschlecht und Alter, Familienaufstellung und Therapeutenfamilie überschneiden sich im Thriller wie im „wahren“ Leben. Was nach den Regeln der Kunst von einander getrennt werden soll, vermischt sich bei Lambert als Plot.

Während der Plot seit Aristoteles den dramaturgischen Ereignisverlauf ursächlich verknüpfen und möglichst in drei Teile gliedern soll, ist bei Lambert nie ganz klar, wo sich die Handlung gerade befindet. Ständig überschneiden sich dramaturgische Handlungsstränge und am Schluss kehrt der „Lippenstiftmörder“ zurück, um ein wahres Gemetzel unter den Charakteren anzurichten. Und wahrscheinlich geschieht dies aus keinem anderen Grund, als mit dem 2. Teil von Im tiefen Tal der Therapierten (2008) die Serie abzubrechen.

Dem Filmemachen wohnt beim Underground- und Off-Regisseur Lothar Lambert selbst ein therapeutisches Gesetz der Serie inne. Seit 1971 ist Zurück im tiefen Tal der Therapierten Lamberts 36. - sechsunddreißigster - Film. Das könnte man auch Serienfertigung oder das Gesetz der Wiederholung nennen. Denn seit dem achtzehnminütigen Film Kurzschluß mit Laiendarstellern aus dem „wahren“ Leben, deren Namen sich nicht mehr vollständig rekonstruieren lassen, im „wahren“ Berlin-Wedding ohne Studiowirklichkeit spielt Über/Leben in Berlin die entscheidende Rolle in Lamberts Filmen.

Lambert ist an der Schnittstelle von Non- zum Fiction-Film der unermüdliche Chronist Berliner Existenzen zwischen Geschlechts- und Familien-Operationen auf den unterschiedlichsten Ebenen. Die Arbeit am Geschlecht als Kategorie von Zuordnungen und Zuschreibungen entspringt 1971 nicht zuletzt den Berliner Trümmerlandschaften, in denen Karl und Heidegunde ebenso wie Lothar Lambert und Wolfram Zobus leben:

… Ein verfallener Altbau in einem Viertel voll ähnlicher Mietskasernen, die teilweise gerade der Kahlschlagsanierung anheimfallen (der Berliner Stadtteil Gesundbrunnen, zum damaligen Bezirk Wedding gehörig), welche zu einer apokalyptisch anmutenden Stadtlandschaft führt, die aussieht wie unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. (J.G. über Kurzschluß)

Lamberts Filme sind wie sein jüngster den Berliner Trümmerlandschaften nie entkommen. Denn sie sind immer auch Seelenlandschaften des Über/Lebens. Dort, wo die Trümmerlandschaften unter der Häkeldecke über dem Mahagonitisch verschwinden sollen, zoomt Lambert solange auf Tisch und Häkeldecke des Lebens wie am Schnürchen, bis die Trümmer wieder aufbegehren. Im neuesten Film kommen die Reste des Über/Lebenskampfes nicht zuletzt durch den Künstler Schädelwaldt wieder ins Bild.

Schädelwaldt spielt sozusagen die Hauptrolle. Seine plastischen Bildwerke und Gedichte sind Trümmerlandschaften, die zum Memento Mori zugespitzt werden. Alexander K. als Schädelwaldt im Film, der sich selbst als Künstler Schädelwaldt nennt, ist Lamberts jüngster Off-Star und ein Widergänger der Stars des Berliner Queer Movie der 70er und 80er Jahre. Schädelwaldt ist ein wenig Kippi Martin Kippenberger (1953-1997) und Conrad Jennings, ein wenig Karl aus Kurzschluss, hart am Rand von Wolf Vostel (1932-1998) in Ulrike Ottingers Bildnis einer Trinkerin/Ticket of no return von 1979.


Foto: Lothar Lambert (Alexander K. als Schädelwaldt)

Schädelwaldt ist ein Originalgenie, das die Expressionisten meint, wenn er von den „Depressionisten“ spricht.

Schädelwaldt ist immer schon die Kopie seiner selbst und aller Vorgänger im unbedingten Kunstwollen. Und er liefert genau das Peinlichkeitspotential, das sich an der Schnittstelle von Fiction und Non-Fiction auftut. Warum gerade das? Warum gerade da?

Die Peinlichkeiten in Lamberts Filmen sind sonder Zahl. Das spricht für seine Filme. Denn das Peinliche ist das, was nicht wiederkehren soll, das was man nicht wahrhaben will. Das Peinliche berührt den neuralgischen Punkt beim Publikum. Person und Gesellschaft liegen über Kreuz, wo es peinlich wird, wo man nicht hinsehen möchte, weil es wehtut. So gesehen sind die Peinlichkeiten Punkte schmerzlicher Wahrheiten.

Tiergarten (1979) von Lothar Lambert funktioniert anders. Doch auch in jenem Film wird dem Peinlichen an der Kreuzung von Narration und Dokumentation, an dem Punkt, an dem das Trauma die Erzählung anruft, viel Raum gegeben. Als könnte die Erzählung das Trauma eines tatsächlichen Mordes im Tiergarten heilen oder zum Schweigen bringen, wird mit minimalem Ton in Bildern erzählt, was das Publikum (eigentlich) gar nicht wissen möchte. Der Tiergarten ist in Lamberts Film allemal eine soziale Trümmerlandschaft der Begierden.

Worum geht es bei einer Therapie? Bei einer Psychotherapie geht es, könnte man sagen, um das Dienen, das Heilen oder Pflegen eines Traumas. Gerade an der Mehrdeutigkeit von Therapie im Deutschen mit dienen, heilen, pflegen lässt sich beobachten, dass das mehr oder weniger ursprüngliche Dienen quasi eine Logik der Herrschaft formuliert. Denn Dienen bezeichnet immer eine Arbeit, die nicht freiwillig, sondern in der Unterwerfung eines Subjekts unter einen Befehl zum Dienst formuliert wird. Mit anderen Worten: das Subjekt wird zum Dienst gezwungen.       

Nun verhält es sich in den Titelformulierungen Lamberts von Im tiefen Tal der Therapierten und Zurück im tiefen Tal der Therapierten so, dass nicht etwa einem Hilfe suchenden Kranken eine Therapie empfohlen wird, sondern die Therapie bereits am kranken Subjekt stattgefunden hat. Wo also die Empfehlung einer Therapie und ihr Beginn den Dienst an sich selbst verspricht, hat bei Lambert dieser Dienst bereits begonnen bzw. stattgefunden. Und dies in Tiefendimensionen.

In der Grundkonstellation des Filmes von Schädelwaldt sowie dessen Eltern, Mutter (Evelyn Sommerhoff) und Vater (Arnfried Binhold), die gleichzeitig oder ungleichzeitig ein Therapeutenpaar sind, das den „Sohn“ therapiert, bricht genau jenes Verbot der Therapie auf, das die Psychotherapie untersagt. Die Familienstruktur, die therapiert werden soll, überschneidet sich auf ebenso fatale wie einleuchtende Weise mit der Therapeutenkonstellation. Man könnte auch sagen, dass Lambert hinter der Kamera im Verein mit seinen Protagonisten vor der Kamera gerade jene Zone der Verkennung offenlegt, die in der Therapie verboten ist.

Auf narrativer Ebene erzählt Schädelwaldt zwar, dass seine Eltern tödlich verunglückt sind, doch kommt das Therapeuten Ehepaar George in der Handlungsebene ständig vor. Zwar sind es meist Rückblenden, in denen Schädelwaldt Frau Dr. George von den Erlebnissen mit seinem Vater erzählen soll, doch überschneiden sich die Ebenen so sehr, dass völlig offen bleibt, was nun zuerst da war, die Erzählung oder das Trauma. In dem es im therapeutischen Erzählen genau darum geht, das Trauma durch Erzählung zu „heilen“, legen Lambert und sein Team nahe, dass die Erzählung gleich ursprünglich mit dem Trauma ist. Gleichzeitig geht damit das Fehl, was als Erzählung funktionieren soll.

Lambert hat es auf der narrativen Ebene des Films genau darauf angelegt, dass alle Regeln der Psychotherapie gebrochen bzw. überschritten werden. Er setzt damit nicht zuletzt die Regelstruktur der Therapie überhaupt erst offen. Schädelwaldt beginnt sofort eine sexuelle Affäre mit der Assistentin von Frau Dr. George, Frau Salzwedel (Friederike Biebl). Und Herr Dr. George macht mit seiner Mutter (Erika Rabau) genau das, was der Therapeut zum Sprechen zu bringen versucht. Er schließt seine Mutter nämlich ständig weg, womit er sie zum Schweigen bringen will.   

Was hilft in einem derart vertrackten tiefen Tal der Therapierten? Dem Zwang zur Erzählung über das tiefste Innere wird mit der Oberfläche als Therapie begegnet. Die Assistentin von Frau Dr. George rät der verzweifelten Frau Freudenberg (Karin Reum-Lahrem), zum Star-Visagisten René Koch zu gehen. René Koch spielt René Koch und gibt Frau Freudenberg ein neues Gesicht. Das Gesicht besteht aus Puder und der richtigen Farbe des Lippenstifts. Denn René Koch lebt und arbeitet im Lippenstiftmuseum, das gleichzeitig seine Wohnung ist. Und er rät am Lippenstift-Telefon zum Blutrot als Farbe für die Lippen.

Der Oberflächenexperte René Koch ersetzt quasi den Tiefentherapeuten. Das ist schon ein besonders witziger und queerer Zug im Plot. Leider bleibt die derart prominente Oberflächenoperation eine nur eher kurze Sequenz im Film. Doch der Lippenstift bleibt sozusagen unterschwellig präsent. Denn das Blutrot der Lippen für die Freuden versprechende Frau Freudenberg ersetzt quasi jenen Lebenssaft, an dem es Schädelwaldt buchstäblich mangelt. Das ist eine ziemlich freche Pointe in Zurück im tiefen Tal der Therapierten.

Am Lippenstift entscheidet sich eine semiologische Frage. Es ist nämlich die Frage, wann und wofür der Lippenstift erfunden wurde bzw. ob es die Färbung der Lippen schon immer gab. Im Gespräch schlägt René Koch, der sicher als Experte auf dem Gebiet des Lippenrots oder der Lippenfärbung gelten darf, gar den Bogen zur Färbung des Geschlechtsteils von Pavianen. Das wird er wahrscheinlich nicht jeder illustren Kundin verraten, aber es zählt sicher zu den bio-anthropologischen Möglichkeiten des Erzählens vom Lippenstift.

In der Sammlung des Lippenstiftmuseums finden sich durchaus kulturgeschichtliche Raritäten, wie der Lippenpinsel und Farbdöschen aus dem 18. Jahrhundert aus Japan. Geklärt ist damit die semiologische Frage allerdings nicht. Denn genau jenes metaphorische Blutrot, das Frau Freudenberg für ihre Lippen und auf ihr Gesicht als Zeichen von Leben und Frische erhält, ist letztlich nichts Anderes als Puder und Farbe und gerade deshalb keine Emergenz von Leben oder Psyche.

Doch so einfach ist es dann wieder nicht mit der Oberfläche. Denn es geht bei der individuellen Entwicklung von Pudern und Farben immer auch darum den Teint, die Farbe und Materialität der Haut darunter durchschimmern zu lassen.


Foto: Dieter Stadler

Im Labor oder Kosmetikraum von René Koch, der quasi historisch eine Mischung aus Behandlungszimmer und Salon ist, sind größere Puderdosen mit Namen versehen und so individualisiert. Ob Pompöös für Harald Glöckler mit dem er dann zum Prince-Fake Harald Glööckler wird oder Judy Winter für Judy Winter, es geht nie nur um eine Deckfarbe sondern um das Durchschimmern als Versprechen.


Foto: Dieter Stadler

Zu den vielleicht interessantesten Exponaten gehört jene Anzeige des VL, des Volkslippenstiftes mit der jungen Hildegard Knef der Kölner Firma Riz von 1954. Es war quasi der VW für die Frau. Und statt Glamour und Sex verspricht der VL doch etwas Anderes mit den Worten von Hildegard Knef, obwohl sie bereits 4 Jahre zuvor den Skandalfilm Die Sünderin gedreht hatte:

Ich finde ihn wirklich prächtig diesen „VL“.

Und für DM 1,50 setzt die Firma hinzu:

Der Volkslippenstift hält Ihre Lippen gesund!


Foto: Dieter Stadler

War der Lippenstift in den Zwanziger Jahren noch der Inbegriff des Luxus des Vamps gewesen, wird er in der Nachkriegszeit nicht nur zum Versprechen eines Luxus für Alle, sondern von Gesundheit. Die Lippenstift-Etuis, die René Koch in seiner Sammlung aus den Zwanziger Jahren zeigt, sind Kombinationen für die Frau von Welt: Spieluhr, Puderdose, Lippenstift und Zigarettenetui. Gerade in der Kombination mit den Zigaretten eröffnete der Lippenstift Frauen damit auch einen Genuss, der zuvor Männern vorbehalten war.


Foto: Dieter Stadler

Kommen wir auf Lothar Lamberts Film, der Frage von Tiefe und Oberfläche, dem Peinlichen und dem Leben zurück. Dieter Rita Scholl oder kurz Dita Scholl gehört in einem Nebenstrang des Films ebenso zu Lamberts Stars aus dem Leben wie Hilka Neuhoff. Lambert erzählt freimütig über den Produktionsprozess und wie er beispielsweise Hilka Neuhoff entdeckte. Obwohl man dadurch viel über die Produktion und die Erzählung erfährt, bleibt doch völlig offen, wie sich die Szenen selbst entwickelt haben. Denn sie sind bisweilen von großer Sprengkraft.


Foto: Lothar Lambert (Hilka Neuhoff und Dieter Rita Scholl)

Sitzt Hilka Neuhoff anfangs als Mutter noch mit einer Dose Bier auf dem Sofa vor dem Fernseher, so kniet Dieter Rita Scholl als Sohn und Transvestit gegen Schluss neben der als übermächtig empfundenen Mutter in Windeln und mit Schnuller, während er weint. Es ist das travestierte Bild der Pieta, das hier durchschimmert. Die Mutter hat sich komplett in ein Baby verwandelt. In der offenen Regression der Mutter zum Baby kehrt sich so allerdings nicht nur ein boshaft, komisches Bild zum Camp, sondern gleichzeitig wird damit auch ein gesellschaftlich verdrängtes Tableau von einer alternden Gesellschaft aufgeführt.


Foto: Lothar Lambert (Alexander K., Arnfried Binhold)

Die Unbeholfenheit der Sexszenen, die Überzeichnungen und Vermischungen in Zurück im tiefen Tal der Therapierten, die möglicherweise dazu beigetragen haben, dass der Film nicht auf der Berlinale 2012 gezeigt wurde, sind keinesfalls nur den Laiendarstellern oder dem Regisseur geschuldet. Vielmehr sind sie Symptome für das, was sonst als Regime der Sichtbarkeiten und Erzählungen funktioniert.

Was funktioniert, tendiert zur (un)sichtbaren Übermacht der Standards, die als natürlich und verbindlich wahrgenommen werden. Sex funktioniert meistens viel- und tiefenschichtig und eben nicht nach den Drehbüchern von Pornofilmern, die als derart verbindlich aufgefasst werden, dass sie zur Nachstellung auffordern.

Lothar Lambert verdient längst eine Ehrung als Unbequemer und King of Queer!   

 

Torsten Flüh

 

Zurück im tiefen Tal der Therapierten

2011, DV, 82min.

Regie, Buch, Schnitt: Lothar Lambert, Kamera, Musik, Co-Schnitt: Albert Kittler, Postproduktion: FMT Studio, Produktion: Lothar Lambert in Coproduktion mit Sange-Film

Darsteller: Friederike Biebl, Arnfried Binhold, Ralf Grawe, Hilka Neuhof, Erika Rabau, Karin Reum-Lahrem, Rosario Salerno, Dieter Rita Scholl, Magy da Silva, Michael Sittner, Evelyn Sommerhoff sowie Anne-Marie Chatelier, Anna Dörrast, Renate Fornal, Dietmar H. Heddram, Claudia Jakobshagen, Ingrid Raab, Konrad Tidow, Thomas Zetzmann, Daniela Ziemann und Alexander K. als Schädelwaldt, als Gast René Koch   

Lippenstiftmuseum
by René Koch
Besuche und Besichtigungen nur nach
vorheriger telefonischer Vereinbarung!
Tel.: 030-854 28 29


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Categories: Film

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