Vom Abenteuer Lesen - Was Götz Wienolds Roman Manona über Homophobie verrät.

Homophobie – Roman – Verstrickung 

 

Vom Abenteuer Lesen 

Was Götz Wienolds Roman Manona über Homophobie verrät. 

 

2015 hat Götz Wienold seinen faszinierenden „Roman einer Homophobie“ Manona veröffentlicht. Ein Roman über Homophobie? Er beginnt ebenso aufschreckend wie grotesk. Ein junger Mann namens Markus Piloty fährt in einem Großraumwagen die besonders pittoreske Bahnstrecke zwischen Bingen und Köln am Rhein, als eine junge, schwangere Frau auf ihn zukommt. „Da hab ich dich ja!“ Sie überrascht und fängt den Homosexuellen Markus als Vater des Kindes, das sie, wie man sagt, unter ihrem Herzen trägt im Großraumwagen, damit er auch ja nicht entwischen kann. Der Roman nimmt seinen Lauf, wird zum Krimi, bisweilen zum furchteinflößenden Leseabenteuer. Auf den Ausspruch „Da hab ich dich ja!“ wird zurückzukommen sein. Götz Wienold geht regelmäßig in den Lesesaal der Staatsbibliothek, wenn er in Berlin ist.

Harter Schnitt, der sich im Moment des Schreibens – jetzt – nicht vermeiden lässt. Der Serienmord oder serielle Mord an Homosexuellen in Orlando. Unwillkürlich, geradezu reflexartig taucht die Diagnose „Homophobie“ als ein böses Wissen über Homosexuelle und Angst vor ihnen auf. Weil Lesben und Schwule zu Feinden des eigenen Glaubens oder auch nur der eigenen Lebensweise erklärt werden, müssen sie unterdrückt, bekämpft oder gar getötet werden. In den medialen Netzen brechen Geschichten und Erzählungen zur Tat und zum Täter los, die sich teilweise widersprechen. Gesprochen werden muss geradezu zwanghaft darüber, wie ein einzelner Täter, ein Mann, Omar Mateen, 49 Männer erschießen und weitere 50 zum Teil schwer verletzen kann.

 

Wie konnte der Täter von Orlando das schaffen? Ein Rausch? Ein Wahn? Eine Neurose? Ein religiöses Wissen, ein Mythos, dass die Homosexuellen zu töten sind?[1] Eine Bombe, ja, das kann man sich vorstellen. Aber weit über 100 Schuss Munition?! Schwerer noch als die Erklärungsmodelle Homophobie und IS zuzulassen, ist es das Unfassbare, das Unheimliche der Tat zu akzeptieren, das sich nicht anders als in grausamer Ambivalenz denken lässt. Der mentale und logistische Aufwand für die Tat muss trotz amerikanischer Waffenlobby als so hoch eingeschätzt werden, dass ein selbst fanatisches Lesen des Koran kaum ausreicht. Als Einzeltäter war es zudem ein so individueller Mythos und Wahn, dass er kaum geteilt werden konnte. Er konnte gerade nicht darüber sprechen. Das Nicht-darüber-sprechen-können, die Sprachlosigkeit hat möglicherweise mehr als die Sprache des Koran den Druck ins Unermessliche steigen lassen.

 

Bevor auf Götz Wienolds „Roman einer Homophobie“ und den Ort des Lesens und Schreibens zurückzukommen sein wird, muss skizzenartig die globale Medialität des seriellen Mordes von Orlando erinnert werden. Erstens: Nach Bekanntwerden der Tat schwanken die Medien zunächst, ob es sich um eine Diskothek für Homosexuelle handelt. Zweitens: Dass es sich um eine schwule Diskothek handelt, wird aus der Gay Community heraus eindeutig benannt. Drittens: Präsident Obama erklärt ca. 10 Stunden nach dem Attentat mit klaren Worten: “This is an especially heartbreaking day for all our friends -- our fellow Americans -- who are lesbian, gay, bisexual or transgender.”[2] Viertens: Die Angehörigen des Mörders und sein Imam geben unterschiedliche Charakterbeschreibungen des Täters. Fünftens: Der Täter arbeitete für eine Sicherheitsfirma! Sechstens: Niemand hatte die Tat in irgendeiner Weise vorhergesehen. Siebentens: Bei Sicherheitsüberprüfungen des offenbar großen Sicherheitsunternehmens war der Täter nicht auffällig geworden. Achtens: Der Täter musste eine sehr lange Stecke zum Tatort fahren. Neuntens: Der Täter machte wenigstens mehrfach Selfies für die Social Community Plattform Myspace, die sofort öffentlich kursieren. Zehntens: Eine schwule Disco muss man als Familienvater auch erst einmal finden. (Stand 13. Juni 2016, ca. 17:00 Uhr)

 

„»Eins hilft immer: Lesen.« Wiederholtes Gemurmel“, steht über dem Eingangsbereich der Staatsbibliothek in der Potsdamer Straße trotzdem so deutlich und versteckt, dass sich die Formulierung leicht übersehen lässt. Götz Wienold liest und schreibt im Lesesaal der Staatsbibliothek mit Blick auf die St.-Matthäus-Kirche und das Kulturforum, wenn er für längere Zeit in Berlin ist. Manona ist nicht zuletzt in der Staatsbibliothek entstanden. Manona ist der ungewöhnliche Name einer Frau. Doch die Frau im Großraumwagen heißt nicht so, sondern Rita. Rita und Manona treten ziemlich plötzlich in Markus Pilotys Leben. Da er in geschlechtlicher Hinsicht weniger an Frauen, als an jungen Männern interessiert ist, treten beide überstürzt und widererwarten in sein Leben. Mit dem Ausspruch „Da hab ich dich ja!“ setzt sich Rita neben Markus und lässt ihn nicht mehr los, ja verfolgt ihn, bis er das Kind unter dem Herzen, eine Tochter, als seines anerkennt und sie heiratet.

 

Das wiederholte Gemurmel nach der wörtlichen Rede „»Eins hilft immer: Lesen.«“ Zieht den apodiktischen Ausspruch in Zweifel. Hilft Lesen wie eine Medizin wirklich immer? Oder kann es, sagen wir, ebenso gut vergiften? Für den Roman Manona und den Ich-Erzähler Markus Piloty, dessen Name nicht zuletzt an den Piloten, also Steuermann eines Fahrzeugs bzw. Schiffes, erinnert, gilt beides. Der Ich-Erzähler Markus Piloty ist am allerwenigsten Steuermann seiner Geschichte. Er muss geradezu erleiden, was ihm passiert. Das Karriereprofil als Naturwissenschaftler an der Universität zwingt ihn im Verein mit zunächst Ritas Wunsch nach einem vorzeigbaren Vater für das ungeborene Kind in Entscheidungen hinein, die er gar nicht treffen will. 

Der Chef nahm mich bald danach beiseite. Er habe da gute Sachen über mich gehört, und übrigens, er gratuliere zur bevorstehenden Veränderung. „Das sehen wir gerne. Und, entre nous, es baut sich da was Gutes für Sie auf.“ Der Chef entschied viel in meinem Leben. Er hatte bestimmt, daß ich in die Botanik gehen sollte, daß ich mich auf Nutz- und Zuchtpflanzen spezialisieren sollte, es war ihm selbstverständlich, jetzt auch in diesem Punkte mitzuhalten. „Warten Sie nur ab, es kommt! Sind ja noch jung, gerade man 28, hab ich nicht recht? Und Sie wissen ja, nur die Besten schaffen es, nur die Besten, Piloty!“[3]        

 

Manona lässt sich auf verschiedene Weise lesen. Das Lesen als Praxis hat viel mit dem Leser oder der Leserin zu tun – oder auch mit dem, was sich lesen lässt. Bei Götz Wienold wird die durchaus unsichere Position des Lesers ganz besonders in Manona dadurch verstärkt, dass Markus Piloty angehalten ist, sein Leben, das ihm zustößt, zu lesen. Das kann zweierlei Effekte beim Lesen haben. Entweder lesen Leser Manona als Geschichte, die ihnen auch schon einmal passiert ist oder hätte passieren können. Diese Leser sagen dann in etwa: Kenn ich. War schwer zu lesen, hart auszuhalten. Das kann man nur schreiben, wenn einem das passiert ist. Oder Manona wird als Literatur und in seiner Literarizität geradewegs genussvoll gelesen. Das sind dann Leser, die das Motto „… und es läuft nur jeder auf eigene Verantwortung in sein Bett … Franz Kafka, Die Vorüberlaufenden“ (S. 9) nicht nur als Bettgeschichte, sondern in seiner literarischen Verdrehtheit lesen. Franz Kafka ist als in einen Käfer verwandelter Gregor Samsa in Die Verwandlung nicht selbst die Wände hochgelaufen, um es einmal salopp zu formulieren.

 
Staatsbibliothek zu Berlin: Bernhard Heiliger: Panta Rhei (1965) (Originalmodell der Bronzeausführung in der Deutschen Botschaft Paris)

Blöde Frage, die trotzdem gestellt werden muss: Schreibt Götz Wienold für Homosexuelle, weil er Manona als „Roman einer Homophobie“ betitelt? Ja und nein. Der Ich-Erzähler schreibt durchaus davon, dass er sich einen „angenehme(n) junge(n) Mann, der mich anlächelt, wenn er sich zu mir setzt, etwas Freundliches, einladend sich Zuwendendes sagt“ im Großraumwagen an seiner Seite gewünscht hätte.[4] Das ist von Anfang an klar. Und anders als bei Kafka wählt Wienold die erste Person Singular, um den Leser noch ein wenig stärker in Markus Pilotys Erzählung von sich selbst hineinzuziehen.

 

Ich, das muss doch der Schreiber, Autor und ich als Leser sein. Ich zu schreiben und zu sagen ist verfänglich. Das muss doch heißen, dass ich gemeint bin. Ich als Mann, der sich wünscht, dass sich ein „angenehmer junger Mann“ neben mich setzt. So verlangt gerade das Genre der Autobiographie, vom Ich zu schreiben. Vom Ich werden seit den Confessiones von Augustinus die Beichte, ein Bekenntnis zu sich selbst oder gar ein polizeiliches Geständnis zur Tat verlangt. Doch dies ist ein Roman. Das Ich ist in der deutschen Sprache und Literatur der Moderne besonders stark ausgeprägt und zum Problem geworden. Der Zwang, ich zu sagen, ist in der Grammatik der Sprache besonders groß. Darauf hat beispielsweise Rainald Götz 2012 einmal in seiner Mosse Lecture zum Seriellen hingewiesen. Und es gibt Sprachen, in denen es geradezu unschicklich ist, ich zu sagen, wie dem Japanischen.[5] Darauf wird zurückzukommen sein.

 

Was passiert Markus Piloty, wenn Rita sich mit dem landläufigen Ausspruch „Da hab ich ich dich ja!“ neben ihn setzt? Der vollbesetzte Großraumwagen von ca. 1972 wird in Götz Wienolds Roman zu einem öffentlichen Raum, der so ziemlich alle Kommentare auslöst, wie wenn Rita auf Facebook oder Myspace plötzlich gepostet hätte: „Hey Mark, ich bin schwanger. Da hab ich dich ja! ♥ ♥ ♥ ♥ ♥“ Der bezeichnende und auf „dich“ zeigende Ausspruch nagelt Markus in der klaustrophobischen Öffentlichkeit des Großraumwagens fest. Die begrenzte Öffentlichkeit des fahrenden Großraumwagens lässt Markus nicht entkommen. Und wenn er am Hauptbahnhof Köln aussteigt, gelingt die Flucht auch nur für kurze Zeit. Es geht Wienold mit der eröffnenden Sequenz im Großraumwagen um den Akt der Bezeichnung durch den Ausspruch. Rita zeigt auf Markus, spricht und lässt ihn nicht mehr entkommen.   

 

Der Akt der Bezeichnung spielt für die Homophobie eine entscheidende Rolle. Dem Berichterstatter fiel der Begriff ca. 1998 zum ersten Mal im Foyer des Arts Building am University College Dublin auf, als eine Studentengruppe einen Kampagnentisch mit dem Slogan „Homophobia sucks“ betrieb. Okay, „Homophobia sucks“ heißt so viel wie Homophobie nervt. Und natürlich spielt der Slogan frech mit der ganzen Doppeldeutigkeit des Verbs to suck wie saugen, lutschen nuckeln etc. Erst in der Kombination mit der negativen Homophobie nimmt es eine abwehrende Bedeutung an. Man muss also wissen, dass Homophobie schlecht ist. Was ist an der Homophobie schlecht? Homophobie, ließe sich sagen, entsteht als moderner Begriff vermutlich in den 20er Jahren mit der Diskussion um die Reform des Sexualstrafrechts im Umfeld des Sexualwissenschaftlichen Instituts von Magnus Hirschfeld in Berlin als Derivat des Begriffs Homosexualität.

 
Magnus Hirschfeld: Sexualwissenschaftlicher Bilderatlas zur Geschlechtskunde (1930). Charles Darwin und Francis Galton.

Während Historiker wie Robert Beachy in Gay Berlin. Birthplace of a Modern Identity (2014) das Aufkommen eines neuen Begriffs, eines Neologismus wie „schwul“ begrüßen, auf eine Elitengeschichte verweisen und die Selbstbezeichnung Wystan Hugh Audens mit dem deutschen „schwul“ als Geburtsmoment einer modernen Identität herausstellen,[6] nimmt Götz Wienold mit dem „Roman einer Homophobie“ eine andere Haltung ein. Historiker erstellen Geschichten. Schriftsteller wie Götz Wienold forschen beim Romanschreiben nicht zuletzt danach, wie Geschichten entstehen. Ein wenig lax formuliert: Wienold schreibt keine Geschichte der Homophobie, sondern erzählt im Format Roman von einer Homophobie. Seine Homophobie, was nach der aus dem Alt-Griechischen erstellten Kombination von homo wie gleich und phobie wie Angst nichts weiter als Gleichangst oder Angst vor dem Gleichen heißt, wird entschieden mit der Erzählung der Homosexualität verknüpft, als es darum geht, ob Markus Piloty nicht doch der Vater des Kindes sein könnte. 

… Ich hatte von einem berühmten Schriftsteller gelesen, Franzosen, einem, der seine Sache vor der Welt offen gelegt hatte, als das noch viel mehr Mut verlangte als heute, von dem es auch noch hieß, daß er auch mit einem Mann nicht mehr konnte, als daß der es ihm mit der Hand machte, und der habe, nur um zu beweisen, daß er, biologisch, Manns genug sei, ein Kind zu zeugen, wenn dabei kein Wunsch nach der Frau, kein Gefühl eine Rolle spiele, tatsächlich mit einer Frau, die dazu bereit war, geschlafen und ein Kind gehabt. Er schrieb auch über Homosexualität, was Männer und Frauen dazu machte. Das Buch war schon zu Studentenzeiten von Hand zu Hand gegangen. Er glaubte nicht daran, daß es eine Krankheit sein, eine genetische Unregelmäßigkeit. Homosexuelle würden hineingedrängt, vom Leben dazu zurechtgehauen…[7]


Filmstills aus dem Film Anders als die Andern (1919) von Richard Oswald, den Hirschfeld beraten hatte. 

Lesen hilft. Vom „Da-hab-ich-dich-ja!“ festgenagelt, spielt Markus Piloty die Erzählungen zur Homosexualität durch. Schließt das Wissen der Homosexualität die Vaterschaft an einem Kind aus? Nein. Das muss sich Piloty schmerzlich eingestehen, weil er unbedingt nicht Vater von Ritas Kind werden will. André Gide hatte neben dem biologisch-psychologischen Zwischenstufenmodell zur Homosexualität von Magnus Hirschfeld, das sich bis 1930 zum Sexualwissenschaftlichen Bilderatlas zur Geschlechtskunde entfaltet und materialisiert[8], mit den vier an Platon anknüpfenden sokratischen Dialogen in Corydon als Privatdruck 1911 ein philosophisches Dialogmodell zur sexuellen Praxis der Homosexualität und Knabenliebe entworfen.[9] Nach dem Blog der Bibliothèque Gay wurde Corydon 1920 anonym als erstes Plädoyer zur Homosexualität in französischer Sprache veröffentlicht. Die Privatdrucke, die Gide in zwölf Exemplaren durch Überreichung an Gleichgesinnte vergeben hatte, sind offenbar verschollen. Von der kleinen Auflage von 1920, 21 Exemplare, hat sich das auf Bibliothèque Gay gezeigte Exemplar erhalten.[10] 

Malgré cela, il reste le premier plaidoyer écrit en langue française en faveur d’une plus grande bienveillance et compréhension de l’homosexualité.[11]

 

Corydon wurde besonders unter jenen wirkungsmächtig, die sich durch den Begriff Homosexualität nicht ausgrenzen und durch den Paragraphen 175 Strafgesetzbuch nicht kriminalisieren lassen wollten. Im Katalog der Staatsbibliothek findet sich bereits eine Übersetzung, Corydon: vier Sokratische Dialoge, von Joachim Moras aus dem Jahr 1932. Angezeigt wird der Katalogtitel als „Kriegsverlust“. Das sollte überprüft werden, weil es sehr wahrscheinlich kein „Kriegsverlust“ ist, sondern schon der Bücherverbrennung im Mai 1933 zum Opfer gefallen sein dürfte, obwohl André Gide nicht auf der Liste des Bibliothekars Hermann am 2. Mai 1933 erscheint. Nach der Publikation beim namhaften Verlag Gallimard in Paris 1924 in der dritten Auflage von 5.000 Exemplaren und weiteren 550 auf bibliophilem Van-Gelder-Papier in blauem Umschlag nunmehr unter dem Autornamen André Gide kursierte das Buch schnell in homosexuellen Kreisen. Corydon lieferte ein Argumentationsschema zur Verteidigung der Homosexualität aus der belletristisch-philosophischen Literatur heraus.[12]

 

 

Die kurze Publikationsgeschichte von Corydon gibt einen Wink darauf, wie schwer es Gide fiel, sich zu seiner Schrift zu bekennen. Denn die Sokratischen Dialoge diskutieren die Homosexualität nicht zuletzt an dem amerikanischen Autor Walt Whitman, der zum Beispiel für Kraft und Gesundheit als Gegenargument zur Krankheit der Homosexualität im ersten Dialog angeführt wird. Die Veröffentlichung des Buches 1924 unter dem Klarnamen war das Outing eines Autors, der, mit Markus Piloty gesprochen, ein Kind gezeugt hatte, um zu beweisen, dass gleichgeschlechtliches Begehren die Zeugungskraft nicht ausschließt. Sokrates wird zum literarisch-philosophischen Gewährsmann bei Gide ebenso wie im Vorwort von Hirschfelds Bilderatlas wenige Jahre später. Doch Gide geht nicht von geschlechtlichen Voll- und Zwischenstufen oder einem biologistischen „Zwischenbereich“ aus, sondern von einer unentschiedenen Bisexualität. Es ist davon auszugehen, dass Corydon in der französischen und/oder deutschen Ausgabe ebenso zum Bestand der Bibliothek des Instituts für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld gehörte. Am 6. Mai 1933 wurden die Bibliothek und das Institut von den Nationalsozialisten geplündert. Am 10. Mai wurde die Bibliothek mit der auf einem Stock aufgespießten Büste Hirschfelds auf dem Opernplatz verbrannt.[13]

 

Das Wissen von der Homosexualität wird von Rita und schließlich Manona instrumentalisiert. Sie benutzen es, um Markus Piloty für ihre Interessen einzuspannen. Rita braucht einen Vater für ein nichteheliches Kind, als es noch undenkbar war, ein Kind ohne Vater zur Welt zu bringen. Weder Rita noch Manona haben Angst vor Gleichgeschlechtlichkeit, vielmehr billigen und ermuntern sie ihn geradezu, wenn es ihnen nützt. Es genügt ihnen das Wissen vom „Zwischenstufenmenschen“ (S. 122), um es so zu drehen, dass Markus handelt, wie sie es wollen. Die Homophobie wird nicht etwa als Ablehnung angewendet, die nach Bestrafung oder gar Tötung verlangt, sondern als Instrumentalisierung des Wissens. 

Ihre Konditionen. Sophie würde ganz ihr gehören, Sophie und sie selbst würden in den Namen der Hagenauers übergehen. Nie dürfte ich versuchen, Kind und Mutter und ihre Familie nachzuspüren. Aller Kontakt auf immer abgebrochen. Von mir keinerlei Ansprüche und Anrechte auf sie alle von heute an. Sonst verlange sie nichts von mir. Die Wohnung dürfe ich noch ein halbes Jahr und ohne Kosten für mich, wie immer die großzügige Rita.[14]

 

Das Wissen der Homosexualität nutzt Rita und diktiert Markus die „Konditionen“ ihrer Trennung. Rita kehrt auf gespenstische Weise in Manona wieder. Manona nimmt ca. 20 Jahre später jene Rolle ein, die Rita besetzt hatte. Wie sich im Roman herausstellt, was Markus zunächst nicht einmal ahnt, hatte Manona ganz bewusst, die Rolle von Rita übernommen. Ist Markus zunächst nur von der Ähnlichkeit der beiden Frauen irritiert, vielleicht sogar fasziniert, stellt sich mehr und mehr Manonas manipulative Macht heraus. Sie setzt ihren Ehemann Ewald geradewegs dazu ein, um Markus steuern zu können. Die wie, man sagt, ménage à trois oder Dreiecksbeziehung wird von ihr initiiert. 

„Du machst doch mit, Manona“, hatte er, das Glas Wein greifend, gesagt, wie viele Ehemänner das machen, wenn sie einen Freund an ihr Haus binden wollen, als wir uns zum Essen gesetzt und er mir das Du angeboten hatte; „du machst doch mit, daß wir uns mit Markus duzen?“ „Das ist ja das Mindeste, was wir von jetzt an tun.“ Also „Ewald“ – „Markus“, „Markus“ – „Manona“. Anstoßen, ihr in die Augen, ihm in die Augen, beide freundlich wie verheißend mich anlächelnd.[15]

 

Der besondere Erzähltrick in Wienolds Roman ist die Verwicklung des Ich in seine Zeitlichkeit eines Jetzt. Erzählerisch wird das Duzritual erotisch aufgeladen. Denn einerseits geht die Frage des Mitmachens von Ewald aus, andererseits wird das In-die-Augen-schauen beim Freundschaftsritual vom Ich in ein Versprechen auf Mehr gewendet. Doch damit nicht genug. Markus‘ erotische Wünsche und Ängste stellen sich später als von Manona inszenierte Arrangements heraus, was die Angst schockartig verstärkt. Der Ich-Erzähler ist in seiner Wahrnehmung zeitlich und räumlich derart begrenzt, vielleicht könnten Leserinnen gar sagen, beschränkt, dass an seinem Denkvermögen zu zweifeln ist.


Screenshot (Torsten Flüh): Édouard Manet: Le Déjeuner. 

Doch gerade in jenem Bereich zwischen Lächerlichkeit und Horror, ähnelt Wienolds Erzählpraxis einer Schlüsselerzählung des Unheimlichen. Seit E.T.A. Hoffmanns Sammlung Nachtstücke (1817) mit Nathanaels Briefen an Lothar in Der Sandmann [16] wandert das Unheimliche von Sigmund Freud über Jacques Lacan bis zu Homi K. Bhabhas Konzeptualisierung der Hybridität und der „Unhomeliness“ durch Literaturen.[17]   

Der Weg führte aus dem Wald, Felder, Gärten, dann eine Biegung, ein Restaurant, das sie – „unser Ziel!“ – ansteuerte: „Fröhlicher Jäger“. In der Tür, die halb offen stand, an diese sich lehnend, mit dem Ellenbogen die Klinke herunterhaltend, ein schmaler junger Mann mit hellem, flachem Strohhut, ganz glatter Krempe und breitem, dunklem Band; wie aus einem Bild entwendet, stand er da, trug die helle Hose und den weiten Kragen, wie er auch bei uns ein Jahrhundert später wieder modisch geworden ist, nur die Krawatte war nicht da, schlanker auch noch als der aus dem Bild, und zog lässig an einer Zigarette. Kaum waren wir etwas näher, hängte Manona sich fest bei mir ein, strahlendes Manonalächeln zu mir herüber: „Spiel bitte den Kavalier!“[18]

 

Unheimlich ist in der Sequenz vor und im „Fröhlichen Jäger“ nicht nur, dass Manona das Ziel offenbar kennt und ansteuert und Markus sich steuern lässt. Vielmehr bekommt Markus im Ziel auch noch einen jungen Mann „aus einem Bild“ zu sehen, das ihm nur gezeigt wird, damit Manona das Bild quasi übergehen kann. Das ein wenig vertrackte Bild, auf das mit der Szene angespielt wird, entwirft sich bei Édouard Manet als eine Dreiecksbeziehung zwischen einem jungen Mann vor einem Tisch, einer Magd mit einem Krug links hinter ihm und einem älteren, bärtigen Mann hinter dem Tisch rechts. Auf dem Tisch steht als Frühstück oder Mittag ein großer Teller mit geöffneten Austern. Die Austern werden größtenteils verdeckt von dem jungen Mann mit Strohhut. Die Blicke der drei Figuren treffen sich nicht. Der junge Mann hat sich geradezu abgewendet. Die Magd blickt fast mütterlich, freundlich auf den Rücken des Jungen. Der rauchende Bärtige blickt in Richtung der Magd. Eine Familienaufstellung? Neben der auf dem Tisch gestützten Hand des jungen Mannes vor einer geöffneten Auster in sattem Gelb ein Ding. Eine geschälte Zitrone? Eine Serviette? Ein ländlicher Gasthof in der Normandie? Ein Privathaus? Dann der Gummibaum im Hintergrund in einem Porzellantopf mit bunten Vögeln bemalt. Die Waffen auf einem Stuhl links.

 

Das detailreiche Bild setzt vor allem den jungen Mann mit dem Strohhut in Szene, der sich ostentativ vom mit aufgebrochenen Austern gedeckten Tisch abwendet. Die Austern, ob ländlich an der Küste oder doch weltstädtisch in Paris, sind verfänglich. Werden sie an der Küste wohl auch mittags ohne größere Umstände verspeist, so werden sie als stärkende Speise im salon particulier oder privé des Nachts in der Weltstadt ihre vorzügliche genossen. Das Bild vom jungen Mann wird mit den Austern erotisch, geschlechtlich aufgeladen. Dass sie nur gezeigt werden, um sie zu verdecken, entspricht der Logik des Vorhangs, um das Begehren zu wecken, ganz gleich ob es ein Dejeuner oder Diner im abgetrennten Zimmer sein soll. Doch das Unheimliche an der Wiederkehr des Bildes im „Fröhlichen Jäger“ ist vor allem, dass Markus es für seine, sozusagen, individuelle Wahrnehmung hält, die Manona, wie er glaubt, nicht sieht. Es wird sich anders herausstellen. Markus sieht sich zutiefst vom Begehren nach dem Bild fasziniert. Oder soll man sagen: im Begehren des Bildes verstrickt? Es geht wie mit dem Selfie, um ein Sich-selbst-sehen und -zeigen.

 

Auf äußerst spannende Weise entwirft Götz Wienold mit Manona. Roman einer Homophobie ein Ich in seinen Verstrickungen. Währenddessen kursiert der Begriff Homophobie in diesen Tagen in Höchstgeschwindigkeit. Meistens wird er als Hass auf Homosexuelle aus religiösen und/oder narzisstischen Gründen gebraucht. Denn wenn Männer homosexuelle Männer hassen, dann fühlen sie sich vor allem in ihrem Selbstbild (sic.) als Mann, also in ihrem Narzissmus gekränkt. Insofern lässt sich Homophobie nicht als Angst, sondern als narzisstische Kränkung formulieren. Auf diese Weise kann Homophobie sich als schwere und unheimliche Persönlichkeitsstörung mit einem äußersten Genießen der Macht in katastrophale Gewalt verwandeln. Vieles spricht mittlerweile dafür, dass der Attentäter von Orlando, Omar Mateen, zutiefst in Homophobie und Homosexualität verstrickt war. Politisch lässt sich das am effektivsten durch die Entmachtung der amerikanischen Waffenlobby bekämpfen. Im Herbst wird von Götz Wienold als Parallelroman zu Manona im Passagen Verlag Unter Hagenauers erscheinen. 

 

Torsten Flüh

 

PS: Götz Wienold hat in den 70er Jahren Japanisch gelernt, lehrte an der Dokkyo Universität deutsche Sprache und Literatur und lebt in Berlin und Tokyo. 

 

Götz Wienold 

Manona 

Roman einer Homophobie 

ISBN 9783709201664 

208 x 128 mm, 216 Seiten 

Preis 24,60 EUR

 

Unter Hagenauers 

Ein Parallelroman 

ISBN 9783709202371 

208 x 128 mm 

Preis 26,60 EUR
(Erscheint im Oktober 2016)  

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[1] Jacques Lacan hat einmal am Collège philosophique 1952 auf den individuellen Mythos des Neurotikers mit einer Replik auf Goethe in dem alternativen Titel „Dichtung und Wahrheit in der Neurose“ hingewiesen und formuliert: „Der Mythos ist das, was etwas eine diskursive Formel gibt, das nicht in die Definition der Wahrheit übertragen werden kann, da die Definition der Wahrheit sich nur auf sich selbst stützen kann, und da das Sprechen sie konstituiert, insofern es sich vorarbeitet.“
Jacques Lacan: Der individuelle Mythos des Neurotikers oder Dichtung Wahrheit in der Neurose. Wien: Turia + Kant, 2008, S. 11.

[2] Melanie Garunay: President Obama on the Tragic Shooting in Orlando. In: White House Blog June 12, 2016 at 12:23 PM ET.

[3] Götz Wienold: Manona. Roman einer Homophobie. Wien: Passagen, 2015, S. 47.

[4] Ebenda S. 12.

[5] Vgl. dazu beispielsweise: Torsten Flüh: Der Juckreiz der Moderne. Yoko Tawadas Drama Kafka Kaikoku im Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin. In: NIGHT OUT @ BERLIN 10. Februar 2011 00:20. 

[6] Siehe: Torsten Flüh: „Entschuldigen Sie, Madam, aber ich bin schwul.“ Zu Robert Beachys Gay Berlin: Birthplace of a Modern Identity in der American Academy. In: NIGHT OUT @ BERLIN 29. Oktober 2015 20:20.

[7] Götz Wienold: Manona. … S. 34/35.

[8] Siehe: Torsten Flüh: Zu Magnus Hirschfelds Bilderatlas. Aus Anlass der Spendengala Marlene für Magnus – DenkMal für Hirschfeld und die ersten Hirschfeld-Tage. In: NIGHT OUT @ BERLIN 16. Mai 2012 22:51.

[9] Siehe: Corydon, André Gide, édition de 1920. In: Bibliothèque Gay, samedi 9 mai 2015.

[10] Erst

[11] Ebenda.

[12] Siehe Katalog der Staatsbibliothek http://stabikat.de/DB=1/SET=1/TTL=11/SHW?FRST=13

[13] Siehe: Video Magnus Hirschfeld – Ein Jahrhundertreformer (2013) der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld sowie Online Dossier zum 6. Mai 1933. 

[14] Götz Wienold: Manona… S. 73.

[15] Ebenda S. 81.

[16] [Hoffmann, E. T. A.]: Nachtstücke. Bd. 1. Berlin, 1817. In: Deutsches Textarchiv

[17] Siehe auch: Torsten Flüh: Die politische Krux mit der Sicherheit. Homi K. Bhabhas ZfL-Inaugural Lecture „On Culture and Security“ in der Akademie der Künste. In: NIGHT OUT @ BERLIN 8. Juni 2015 20:01.

[18] Götz Wienod: Manona… 105/106. 


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