Vom Geschenk - Zur Ausstellung Between Walls and Windows. Architektur und Ideologie im Haus der Kulturen der Welt

Ideologie – Sprache – Architektur

 

Vom Geschenk

Zur Ausstellung Between Walls and Windows. Architektur und Ideologie im Haus der Kulturen der Welt

 

Open & Free verheißt das kleine, aber prominent aufgestellte Schild einladend vor dem Haupteingang des Hauses der Kulturen der Welt an der John-Foster-Dulles-Allee. „Open every day & Free to the public“, lässt sich mit einem Hinweis auf den Audioguide, den es am Buchladen im Haus zu mieten gibt, genauer lesen. Geschenkt. Einmal nichts bezahlen. Doch Geschenke sind doppelbödig, zweischneidig, subversiv. Das Haus selbst war 1958 als Kongreßhalle ein Geschenk der Amerikaner an die Berliner. Und die Architektur des Geschenks sollte von Anfang an, sichtbar für die Menschen im sowjetischen Sektor der Stadt an der Grenze platziert, als Propaganda funktionieren.

Wenn man das Geschenk – Open & Free – annimmt, also in diesen Tagen und Wochen noch bis zum 30. September 2012 in das Haus hineingeht, dann fällt dem gelegentlichen Besucher sogleich auf, dass das Haus leer geräumt ist. Die allüberall übliche Info- und Kassenbox zur Linken ist verschwunden. An ihrer Stelle sind Orchideen unter Glas platziert. Purification/Reinigung des Hauses von den aktuellen Informations- und Leitsystemen nennt die Kuratorin der Ausstellung, Valerie Smith, diese erste Phase der Ausstellung. Wo gewohnte Leitsysteme fehlen, müssen sich die Besucher auf die pure Architektur einlassen.

Zu den besonders geglückten Arrangements zwischen purer Architektur und ihrer Leere gehört in der Ausstellung das geradezu minimalistisches Konzept. Viel Raum. Die Architektur selbst. Viel Leere und nur wenige Ausstellungsstücke. Hatte man bei Ulrike Ottingers opulenter Ausstellung Floating Food das Foyer noch in eine von Licht durchflutete Seelandschaft mit schwimmenden Schüsseln, gefüllt mit Nahrungsmitteln, verwandelt, so ist es nun leer und transparent mit den Fensterfronten beispielsweise zur großen Ausstellungshalle.

Bereits im Foyer, wenn die Besucher das Geschenk als Einladung angenommen haben, sich möglicherweise orientierungslos, verloren im Halbdunkel fühlen, befinden sie sich mitten in einer Auseinandersetzung mit der Ideologie der Architektur des Hauses und den Ideologien, von denen sie selbst geleitet werden. Soll man sagen: sie werden von Ideologien besetzt, geführt, strukturiert? Ideologien sollen strenge Orientierung bieten. Wenn man die Orchideen übersehen hat, weil man nun hinein will, um etwas umsonst zu sehen und zu erleben, dann folgt man auch einer Ideologie des Events. Die purifizierte Architektur der Kongreßhalle verfolgte offenbar eine andere Ideologie.

Valerie Smith knüpft bei ihrer Einführung mit der Metaphorik der Architektur an den amerikanischen Romanisten, Literatur- und Architekturtheoretiker Denis Hollier und seine Publikation Architectural Metaphors von (1998) an.

“Architecture,“ writes Denis Hollier, “before any other qualifications, is identical to the space of representation; it always represents something other than itself from the moment that it becomes distinguished from mere building.“ If we take this assertion and extend architecture’s metaphorical role through language, we begin to see architecture as “the archistructure, the system of systems,” a means to define everything.[i] 

Die Anknüpfung an Hollier verschiebt die Architektur deutlich auf eine literatur- und zeichentheoretische Ebene. Denn einerseits formuliert Hollier die Architektur als „archistructure“, die überhaupt Systeme hervorbringt. Andererseits wird das Ideologische der Architektur auf die Metaphorizität eingeengt. Die Problematik besteht in der Frage nach der Metapher und den Zeichen. Enthält oder schafft die Architektur immer schon ein System von Zeichenräumen? Oder wird der Architektur allererst eine Metaphorik eingeschrieben?

Das Geschenk mit dem Namen Konreßhalle und dem deutschen Eszett war durchaus ein Anglizismus, der sich auf mehr oder weniger deutliche Weise auf die historische Congress Hall in Philadelphia bezog. Sie beherbergte von 1790 bis 1800 den United States Congress als Ort des Ursprungs der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Berliner nannten die Kongreßhalle mit ihrem „flighty convex roof“ (Smith) despektierlich: „Schwangere Auster“. Denn die Kongreßhalle sollte nicht weniger als die Ideologie der Demokratie über die Interbau 1957 hinaus im Tiergarten platzieren.

Die Schwangere Auster konterkarierte in der Berliner Schnauze deutlich die Idee von Offenheit und Versammlungsort für die Entwicklung der Demokratie. Denn eine Auster ist geradezu sprichwörtlich verschlossen und nur sehr schwierig mit einem Austernmesser zu öffnen. Gerade in dieser Verschlossenheit erzeugt die Auster auch Misstrauen, womit sie schwanger geht. Freimütig hat dagegen der Architekt Hugh Stubbins bei einer Ortsbesichtigung erklärt:

“(…) this was essentially a propaganda building aimed at the Soviets just half a mile away.” It was a propaganda building posing as a “gift” to the German people from the US State Department through the eminent emissary Eleanor Dulles… It was clear then that the design of the new building required a technologically spectacular (but ultimately specious) form to show of its program, declaring the building open and free to all people… [ii]

Die „Schwangere Auster”, die im West-Berliner Jargon die Kongreßhalle bezeichnete, deutet mit anderen Worten auf durchaus spaßige Weise die „technologically spectacular (…) form“ um. Es ist daher keinesfalls sicher, was die Form metaphorisch enthält. Denn die Form sah eben für „alte“ West-Berliner wie eine hermetisch verschlossene Auster aus. Nicht zuletzt erinnern Arno Brandhuber, Tobias Hönig, Christian Posthofen mit ihrer Initiative Weltkulturerbe Doppeltes Berlin[iii] im Rahmen der Ausstellung an die Kongresshalle neben dem Haus der Lehrer am Alexanderplatz in Ost-Berlin von 1964, zu der ihr Architekt Hermann Henselmann sagte:

The simple formula ‘Architecture in the West serves capitalism, therefore it is bad,’ or ‘Everything hat comes from the right corner is formalistic,’ does not help us any further. (Katalog S. 143)       

Die Frage nach einer Mataphorik der Architektur tendiert bei Valerie Smith zu einer Hermeneutik. Denn auch die Rede von einer Schwangeren Auster wäre keinesfalls ideologiefrei. Doch Verschlossenheit wie Offenheit brechen sich gerade an der Form oder gar „the gestalt of buildings“ (Valerie Smith). Die Ideologie der Kongreßhalle kann so als Offenheit der Demokratie inszeniert werden und gerade deshalb als geschlossene, gar obskure Veranstaltung mit Schwellenangst aufgeladen worden sein.

Die Abschlussveranstaltung des Deutschen Evangelischen Kirchentages fand 1977 quasi in den (leeren) Spiegelteichen vor der Kongreßhalle statt. Die Halle selbst war für die Veranstaltung zu klein. 1979 wurde das Internationale Congress Centrum Berlin im Westend eröffnet, das nicht nur eines der größten der Welt ist, sondern sich nunmehr äußerst geschlossen als eine Art futuristisches Raumschiff präsentiert. Leider hat keiner der beteiligten Künstler den Bogen zum ICC geschlagen. Die ideologische Aufladung von Architektur bedarf durchaus einer Verknüpfung mit Praktiken, die eine Öffnung oder Schließung erzeugen.

Valerie Smith hat als Kuratorin ein deutliches Gewicht auf Kunstprojekte gelegt, in denen sich der historische Kontext des Geschenks in der Nachkriegsphase und des Kalten Krieges mit künstlerischen Umsetzungen überschneiden. Beispielsweise überschneiden sich Wissenschaft und Kunst in Terence Gowers Baghdad Case Study, die er im Café Global installiert hat. In Glasvitrinen präsentiert Gower unterschiedliche Materialien zur Botschaft der USA in Baghdad, die von Josep Lluis Sert gebaut und zwischen 1955 und 1969 genutzt wurde.

Ähnlich wie bei der Kongreßhalle war bei den Botschaftsbauten der 50er Jahre eine hohe ideologische Aufladung als ein Versprechen auf Demokratie, Transparenz und Dialogbereitschaft architektonisches Programm. Sichtbar sollte die Dialogbereitschaft werden in einer Dachkonstruktion über den Dächern der Gebäude. Sert hatte sich von den Zeltüberdachungen der arabischen Märkte inspirieren lassen und setzte derartige Zeltdächer aus Spannbeton über die verteilten Gebäude.

Die Regionalisierung der us-amerikanischen Botschaftsbauten jener Jahre, die in Baghdad über ein größeres Areal in kleinen Gebäuden verteilt waren, wird von Gower hinsichtlich ihrer ideologischen Funktion untersucht. Denn die Gebäude beherbergten entgegen der als Zeltdach aufgesetzten Dialogbereitschaft auch Einrichtungen für den Geheimdienst. Fast sichtbar unsichtbar fügt sich in der Kongreßhalle ein aufwendiges Holzmodell des regionalen, arabischen Zeltdaches in die Architektur. Oder ist das noch Berlin oder schon Bagdhad?

Es ist schwierig, allein die Architektur metaphorisch zu lesen, wie es Smith vorschlägt. Denn J. L. Sert baute in Palma de Mallorca für Joan Miró ein Studio, das ebenso eine spektakuläre Dacharchitektur aufweist. Wie Gower durch die Plakate, Zeichnungen und Schriftstücke zeigt, geht es eher stets um die Praktiken, die mit der Architektur verknüpft werden. Das intime Studio Miró löst das Dach in Bögen auf. Es entstand ebenfalls in den 50er Jahren. Allerdings wird die Dachkonstruktion im Kontext der Botschaftsbauten insbesondere durch die politischen Praktiken in eine ideologische Konstruktion eingeschrieben.

Wenn man sich eines Tages mit der Architektur des Botschaftsgebäudes der Vereinigten Staaten von Amerika am Pariser Platz intensiver auseinandersetzen will, ließe sich in ihr das neue und starke Sicherheitsbedürfnis durchaus lesen. Das Gebäude fügt sich diskret in die Fassaden am Pariser Platz ein und die lange Front an der Ebertstraße bleibt bis auf den runden, dominierenden Turm an der Behrenstraße unauffällig. Hier allerdings könnte durchaus durch Dachkonstruktion mit metallischem Turm und die vorgezogenen Gitter eine Assoziation an Abwehrstellungen aufkommen. Dass die Architektur nicht zuletzt tief mit der Erfahrung von 9/11 verschränkt ist, wird durch den Gedenkstein für die deutschen Opfer des 11. September 2001 und ein Trümmerteil aus dem World Trade Center im Innenhof der Botschaft dokumentiert.    

In der Ausstellungshalle der Kongreßhalle hat Àngela Ferreira die Installation Collapsing Structures: Talking Buildings mit einer Modellfreitreppe und einem Bildschirm installiert. Allein durch die Installation wird hier die Schlichtheit und Modernität der Architektur ins Interesse gerückt. Die leere Ausstellungshalle inszeniert auch das Außen und seine gärtnerische Gestaltung als Architektur einer nicht nur offenen, sondern erlesenen Zusammenkunft. Was in der Ausstellungshalle gezeigt werden sollte, konnte nicht nur im Tageslicht betrachtet werden, sondern sollte auch von Außen sichtbar sein.  


In ihrem Film schneidet Àngela Ferreira Bilder von der Sprengung des nie vollendeten Hochhaus-Hotels „4 Estações“ (4 Jahreszeiten) in Maputo, Mosambik, im Jahr 2007 mit dem eingestürzten Dach der Kongreßhalle gegeneinander. Es entstehen Korrespondenzen in den zusammenfallenden Gebäuden, die auch dadurch auf einander bezogen werden können, weil das Hotel nach Ausbruch der Nelkenrevolution 1974 in Portugal nie fertig gebaut wurde, jahrzehntelang leer stand und 2007 dem Bau der US-Botschaft weichen musste. Die kollabierenden Strukturen sind in mehrfacher Hinsicht politische und ideologische.

Das Geschenk Kongreßhalle wurde in der Tat erst nach dem Zusammenfall der ideologischen Systeme in Ost (und West) einer regen Nutzung durch die Umwidmung in das Haus der Kulturen der Welt angenommen. Jahrzehntelang dauerten die Diskussionen um die Nutzung des Gebäudes insbesondere nach Fertigstellung des ICC an. Allerdings war das Geschenk auch von so hartnäckig verpflichtender Art, dass man das Haus nach Einsturz des Daches nicht einfach abreißen konnte. Das System des Geschenks hatte sich selbst im Kollaps erhalten. Es hatte sich eingeschlichen und in die Redensarten der Berliner übertragen: Kongreßhalle und Schwangere Auster.

Wann wird ein Geschenk angenommen? Und was passiert durch die Annahme mit dem Geschenk? - Vielleicht gilt diese Frage auf andere Weise für die Installation This is Me, This is My Country von Arno Brandhuber gleich links am Eingang des Hauses. Denn bei der Installation der (politischen) Orchideen als „Garten der Ideologien“ mit Dendrobium Angela Merkel, Brassolaeliocattleya Margaret Thatcher, Cattelya General Patton, Kimilsungia u. a. geht es nicht zuletzt um den Vorgang  der Widmung als Geschenk einer Orchideenart an einen Staatsgast. Die Widmung als Benennung einer Pflanze, gelegentlich auch Tieres oder Sternes nach einer politischen Persönlichkeit ist eine weit verbreitete Praxis beispielsweise durch die Royal Horticultural Society. Erst kürzlich wurde dem englischen Thronfolger William und seiner Frau auf einer Asienreise in Singapur eine Orchidee gewidmet.

Wie Arno Brandhuber im Katalog mit einem Foto (S. 37) zeigt, musste der Züchter der Orchidee, die er nach Margaret Thatcher benannt, ihr also gewidmet hatte, 7 Jahre darauf warten, bis er von ihr empfangen wurde. Wie man sich mittlerweile vorstellen kann, behielt sich Mrs. Thatcher selbst in dieser Situation vor, das Geschenk anzunehmen. Denn sie trägt auf dem offiziellen Foto an jenem Tag ein dunkelblaues Kleid mit rotem Rosenmuster, was die Orchidee fast im Muster verschwinden lässt. Hatte sie mit der Wahl des Kleides nun die Orchidee quasi vereinnahmend angenommen? Oder hatte sie die Widmung gerade nicht angenommen, weil die Orchidee im Muster untergeht?

Dagegen baute Kim Il Sung um die Orchidee, Dendrobium Clara Bundt, die der indonesische Präsident Sukarno 1965 bei einem Staatsbesuch auf ihn umwidmete, in Nordkorea einen regelrechten Staatskult auf. (Siehe Katalog, S. 35) Die Allgegenwart der Orchidee Kimilsungia in Korea erinnert ständig an die Gegenwart des autokratischen Staatsführers. Sie wurde nicht nur in den Staatskult eingebaut, sondern vermochte offenbar auch durch ihre permanente Erinnerung an den Herrscher eine Überwachungsfunktion einzunehmen.

Insbesondere an der wuchernden Kimilsungia lässt sich die Ideologisierung durch eine namentliche Angleichung, um nicht zu sagen Homogenisierung beobachten. Die Gattungsbezeichnung Dendrobium für eine Orchideengattung, die auf Bäumen wächst, fällt nämlich in der (nord-)koreanischen Umschrift weg. Dendrobium Kim Il Sung ist nicht zuletzt ein Hybrid. Doch das Hybride wird in der nordkoreanischen Schreib- und Sprechweise zugunsten der Staatsideologie eliminiert. Mehr noch: die Homogenisierung erfasst alle Orchideen, insofern als die jährliche internationale(!) Orchideenausstellung im April in Pjöngjang Kimilsungia Flower Show (Link nach Nordkorea!) genannt wird.

Das Geschenk der Widmung wird mit dem Extrembeispiel der Kimilsungia nicht nur angenommen, vielmehr wird es im Dienste der Ideologie durch Operationen der Sprache homogenisiert und missbraucht. Kimilsungia und Kimjongilia, nach dem Sohn Kim Jong Il, erfordern in der (nord-)koreanischen Sprache unbedingt eine Orchidee mit dem Namen des aktuellen Staatsführers Kim Jong Un, um die ideologische Kontinuität und Geschlossenheit der Orchideen-Dynastie zu gewährleisten. Das Bild der Kimilsungia ins Plakative übertragen funktioniert allererst in der Verschränkung mit der Sprache und dem Namen.

Die Gruppe Supersudaca hat für die Garderobe des Hauses in einer Kombination aus Modewettbewerb und Ratingagentur die komplexe, ideologische Praxis des Ratings mit You Rate It! Neither poor, nor standard! inszeniert. Sie identifizieren die aktuellen Praktiken von Standard & Poor’s, Moody’s oder Fitch als vorherrschende Ideologie, die u. a. darüber entscheidet, wo und wie profitabel gebaut wird. Ratingagenturen – ein neuer Anglizismus – entscheiden nicht nur darüber, ob Länder als kreditwürdig eingestuft werden. Sie lösen auch tiefgreifende Emotionen bis zur Panik aus.

Supersudaca, mit Mitgliedern aus Rotterdam, Brüssel, Santiago de Chile, Lima und Buenos Aires, legen humorvoll und hintergründig die Praktiken der Ratingagenturen offen. Die Anknüpfung an den Mode- oder Schönheitswettbewerb legt die Beliebigkeit des Bewertungssystems offen. Ratingagenturen betreiben Misswahlen auf anderem Niveau und mit globalen Auswirkungen. Was mit dem Rating, mit der Bewertung vorgenommen wird, ist vor allem ein Prozess der Verortung. Daher ist es unter anderem geradezu folgerichtig, dass beispielsweise in Griechenland als Folge der kränkenden Herabstufung und Entwertung „der Griechen“ rassistische Organisationen gegen Fremde bzw. Einwanderer agieren. Denn diese Organisationen verfolgen damit eine zumindest tendentielle Aufwertung.

Die ideologische Strategie der Verortung durch die Ratingagenturen ähnelt nicht zuletzt der Aufteilung der Welt in ideologische Lager während des Kalten Krieges. Die Platzierung der Kongreßhalle praktizierte an der Sektorengrenze mit dem Sichtbarmachen eines Demokratieversprechens exakt jene Strategie der Verortung. Insofern als Finanzströme vermeintlich frei und global fließen, schaffen Ratingagenturen den Geldströmen Zielorte durch Abgrenzungen. Die Fluktuation wird ideologisch gebunden und auf Zielorte des Profits ausgerichtet. In der aktuellen Diskussion um den Euro geht es genau um diese Frage der Abgrenzung, wenn darüber gestritten wird, ob Griechenland innerhalb oder außerhalb der Eurozone verortet werden soll.

Die Macht der Ratingagenturen generiert sich nicht zuletzt durch eine Implementierung von Zeichen bzw. Anzeichen, die Profit versprechen. Mit anderen Worten: Ratingagenturen schaffen durch Berechnungssysteme fiktive Zeichen. Sie nutzen weniger eine Sprache des Geldes, die, wie die Literaturwissenschaftlerin Ulrike Vedder bereits 2010 gezeigt hat, eine „unruhige Beweglichkeit“ aufweist, als dass sie vielmehr ein System der Bewertung durch Verortung eingeführt haben. Die Beweglichkeit des Geldes und seiner Sprache wird also gerade versucht, tendentiell zum Stillstand zu bringen.

Die Frage nach dem Zeichen wird performativ mit der Arbeit von Supersudaca inszeniert. Der Zeichencharakter der Nationalfahnen wird mit dem Rating versehen oder im schlimmsten Fall – UZBEKIZTAN Not rated. Es ist somit nicht das Zeichen, das als solches bereits einen Wert hätte, sondern die Bewertung, die das Zeichen verortet. Genau in dieser Operation kommt die Ideologie zum Zuge. Das heißt auch, dass einer Ideologisierung nicht mit einer Gegenbewertung aufgelöst werden kann, sondern nur mit der einer De-Ideologisierung.

Der Hinweis von Supersudaca auf die Ratingagenturen als Ideologieproduzenten und –akteure zugleich, die eine Aufteilung und Verortung von Welt nach Nationen und Währungssystemen bewirken, wird mit der Aufforderung You Rate It! Neither poor, nor standard! geradezu konterkariert. Denn das Problem liegt ja gerade in der Bewertung, die anglifiziert unverfänglich anders und ein wenig nach Geheimwissen mit der Nutzung von Rating klingt. Doch genau im Raten – englisch und deutsch lesbar -, das sich an der Grenze von Macht und Ohnmacht abspielt, liegt das verführerische Versprechen des Ratings.

 

Torsten Flüh

 

 

Between Walls and Windows

Architektur und Ideologie

noch bis 30. September 2012
Eintritt frei
Audioguide im Bookshop 2;-€ (Ausleihe)

Programm:

KIOSK

am 22.09.2012

Katalog im Museumsshop

32,00 Euro

Haus der Kulturen der Welt

John-Forster-Dulles-Allee

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[i] Smith, Valerie: Between Walls and Windows. Architektur und Ideologie.In: Haus der Kulturen der Welt: Between Walls and Windows. Architektur und Ideologie. Berlin 2012. S. 8

[ii] Ebenda S. 9

[iii] Siehe S. 138 ff, im Katalog (s.o.) 


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Categories: Kultur

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