Vom Umkehren, Bekennen und Schmuggeln - Zur aktuellen Reihe Konversionen der Mosse-Lectures

Konversion – Wissen – Selbst 

 

Vom Umkehren, Bekennen und Schmuggeln 

Zur aktuellen Reihe Konversionen der Mosse-Lectures 

 

Was heißt es, von einem Glauben zum anderen überzutreten? Wie werden Jugendliche, Deutsche zu Salafisten? Das Thema der Konversion läuft unterschwellig durch die Medien. Junge Männer und Frauen aus Deutschland, bisweilen aus ländlichen Regionen, konvertieren, schließen sich den Gruppen des IS an, ziehen in einen Krieg, sterben oder kehren mit mehr Glück als Verstand nach Deutschland zurück, werden von Journalistinnen aufgesucht, vom Verfassungsschutz und Bundesnachrichtendienst befragt und bleiben verdächtig. So in etwa verläuft die Reportage der Schriftstellerin und Journalistin Jana Simon im ZeitMagazin, die seit Mai von „Samuel, 21, aus Sachsen“ zu lesen ist. Ist dem Rückkehrer zu trauen? Brisant, gefährlich, eine Gefahr für die Gesellschaft? 

Sarah Stroumsa von der Hebrew University, Jerusalem, Stephen Greenblatt, Havard University, der Islamforscher Stefan Weidner  und der Schriftsteller Christoph Peters sowie der Literaturwissenschaftler Klaus Briegleb überdenken seit Anfang Mai in den Mosse-Lectures KonversionenErzählungen der Umkehr und Bekehrung, insbesondere als Erzählungen von sich selbst und den Anderen. Der Vortragsreihe geht es um „historische Konversionserzählungen von Maimonides bis Heinrich Heine und Alfred Döblin ebenso … wie die lebensgeschichtlichen Entwürfe, die in der Religionsgeschichte und der Politik verhandelt werden“. Am Donnerstag wird Hans Joas die Reihe mit dem Vortrag Ein Christ durch Krieg und Revolution. Alfred Döblins Erzählwerk >November 1918< beenden. 

Jana Simons journalistische Erzählung mit Tigerbaby-Decke und aufgeschlagenem Koran von Samuel, dessen Name redaktionell sprechend in den jenes Propheten geändert wurde, der von seiner Mutter nach dem Buch Samuel des Alten Testaments Gott geweiht wird, knüpft an Entwürfe der Übertragung, des Verzichts, der Berufung (1. Samuel 3) und des Siegs (2. Samuel 11) an. Dass die Mutter, nachdem sie lange kinderlos geblieben war, ihren Sohn dem israelitischen Gott weiht, kann auch als eine frühe, anfängliche Konversion gelesen werden. Simon formuliert in der Schlusssequenz ihrer Reportage eine Angst gegenüber dem verunsichernden Konvertiten, die nicht neu ist. Vielmehr gehört sie zur Erzählung von der Konversion seit Zeiten dazu: 

… Da mischt sich Samuels Vater ein, fragt: "Wo siehst du dich in zehn Jahren? Mit oder ohne Bart?" Samuel antwortet: "Mit Dreitagebart." Samuel legt sich nicht fest, bleibt im Vagen. Die Suche nach Eindeutigkeit ist vorüber. Oder sie beginnt gerade von vorn. 

Konversionen können auf unterschiedliche und vielfältige Weise vollzogen werden. Sie können auf Befehl oder unter Zwang, als Assimilation oder aus Protest, als Akkulturation oder durch ereignishafte Erleuchtung stattfinden. Sie können plötzlich oder als Passagen eintreten. In ihrem Vortrag Passages: Between Acculturation and Conversion in Islamic Spain betonte Sarah Stroumsa mit einer Lektüre der Schriften des Maimonides aus dem 12. Jahrhundert die unterschiedlichen Formen der Passagen zwischen jüdischem Glauben, antiken griechischen Wissenspraktiken und Islam. Im 12. Jahrhundert übernehmen in al-Andalus mit den Almohaden und dem Almohaden Kalifat, islamische Strömungen die Macht, die die Juden zwangen, zum Islam überzutreten oder zu emigrieren. Zu erinnern ist daran, dass sich die Almohaden durch Abū ʿAbdallāh Muhammad ibn Tūmart als einem im nordarabischen Raum und auf der iberischen Halbinsel weit gereisten Glaubensgelehrten bereits selbst durch Konversionen im Islam herausgebildet hatten.  

In ihrem Vortrag entfaltete die israelische Arabistik-Professorin Sarah Stroumsa unterschiedliche Praktiken, mit der erzwungenen Konversion umzugehen. Die Familie des Moses Maimonides emigriert zunächst als „crypto-Jews“ nach Fes. Maimonides reformiert das jüdische Rechtssystem, erforscht die Algebra und steigt zum Leibarzt des Sultan Saladin im Großraum Kairo auf. Auf diese Weise bewegte er sich zwischen den Kulturen, den Religionen und der Algebra als Philosophie, um es einmal so zu formulieren. Maimonides musste den Beruf als Arzt auch ausüben, weil sein Bruder, der als Juwelenhändler bis nach Indien gereist war, auf seiner letzten Reise verunglückte. Seit dem 18. Jahrhundert wird er nach dem Thesaurus antiquitatum sacrarum …in quibus veterum Hebraeorum mores, leges, instituta, ritus sacri, et civiles illustrantur … in osmanischer Kleidung dargestellt.[1]

 

Sarah Stroumsa korrigierte in ihrem Vortrag und im anschließenden Gespräch mit dem Kirchenhistoriker Christoph Markschies die romantischen Vorstellungen von der Toleranz im mittelalterlichen Andalusien (romantic ideas of tolerance in al-Andalus). Während die romantische Toleranzvorstellung ein homogenes Konzept vom Zusammenleben der Menschen in unterschiedlichen religiösen Gruppen, Gemeinden und Kulturen in Andalusien vom frühen Mittelalter des 8. Jahrhunderts bis ins 15. der frühen Neuzeit als Kontinuität schafft, unterstricht Stroumsa die Verschiedenheit der Quellen und Überlieferungen von den Praktiken des Zusammenlebens und der bisweilen widersprüchlichen Karrieren jüdischer Kaufleute und Gelehrter unter islamischen Machthabern. Ein geschlossenes Wissen über die Identität durch Konversion wurde von ihr deutlich in Frage gestellt.

 

Das Wissen von der Konversion im Nachhinein bedeutender Gelehrte wie Maimonides für die jüdische Rechtslehre und –geschichte, für die neuzeitliche Algebra und die Geschichte der Mathematik hängt auch von den Quellen und Überlieferungen sowie den Sprachen ab, in denen sie geschrieben wurden. Stroumsa wies denn auch in ihrem als Video verfügbaren Vortrag auf die Unterschiedlichkeit der Quellen wie beispielsweise die literarische Form der Anekdote hin, die bereits einem entschieden nachträglichen Modus des Erzählens unterliegt. In einigen Quellen blieben die Gründe für eine Konversion auch einfach unbekannt. Oder einige Quellen seien wahr und richtig, andere aber einfach falsch. Wahrscheinlich muss man daran erinnern, dass die Erzählstrategien des Mittelalters unter gänzlich anderen Maßgaben für das Subjekt und insbesondere den Konvertiten überhaupt formuliert werden konnten.

 

Vielleicht muss die Wissenschaft zugespitzt danach fragen, ob Maimonides überhaupt eine selbst zu verantwortende Konversion nach den Maßgaben aktueller Fragen hinsichtlich der „Eindeutigkeit“, wie von Jana Simon formuliert, vollziehen konnte. Stroumsa hat sich bereits in ihrem Aufsatz Conversions and Permeability between Religious Communities (Konversionen und Durchlässigkeit zwischen Religionsgemeinschaften)[2] auf die Funktion der Konversion für Maimonides hingewiesen, indem sie die Rahmung der Rede in seinen Werken deutlich gemacht hat. Denn er habe nicht die übliche, jüdische Formel „beshimkha rahmana“ („in Your name, Oh Merciful One“) benutzt, sondern an die Abrahams der Genesis 21:35, „In the name of the Lord, God of the World”, angeknüpft und damit vor allem an diesen als einen Konvertiten erinnert. Denn Abrahams Konversion habe bereits in seiner Kindheit stattgefunden, als er in einem Käfig den Wechsel und die Wiederkehr der Himmelskörper beobachtet, so sie als von einem einzigen und immateriellen Gott regiert, wahrgenommen habe und dadurch „the first monotheist“ geworden sei.[3]  

  

Mit der Frage der Konversion verschiebt Sarah Stroumsa das Problem der richtigen Religion oder des richtigen Glaubens in Richtung jener nach der Wahrheit. Einerseits geht es ihr vor allem um die Übergänge oder Passagen zwischen Kulturen und Religionen, die wie in der Erzählung von Abraham nicht zuletzt im Modus einer kindlichen Imagination stattfindet. Anders gesagt: Sie findet ebenso kindlich unbewusst in einem Käfig, einer (kulturellen) Gefangenschaft wie als Wunsch statt. Andererseits kommt Stroumsa am Schluss ihres Aufsatzes zur Durchlässigkeit auf Paul the Persian oder Abū’l-Barakāt, der eine Generation vor Moses Maimonides in Syrien als Philosoph gelebt hatte, zu sprechen und hebt hervor, dass „words became part and parcel of their own language“. Mit anderen Worten: Konversionen beispielsweise bei Maimonides und Abū’l-Barakāt transferieren Begriffe oder Worte als Sendung (parcel) von einer in eine andere Religion und Sprache, die im Nachhinein zum Eigenen der Sprache werden.[4]

 

Der Islamwissenschaftler und Übersetzer Stefan Weidner und der Schriftsteller Christoph Peters beschäftigten sich in ihrer Mosse-Lecture unter dem Titel Hin und weg. Wie und warum bekehren sich Europäer zum Islam mit unterschiedlichen Aspekten der Konversion zum Islam. Weidner, der 2010 die Übersetzung der Sure 96 durch Friedrich Rückert im Literarischen Colloquium Berlin diskutiert hatte, stellte vor allem die Schriften von Leopold Weiss vor. Leopold Weiss alias Mohammed Asad wurde von Weidner als erster moderner Salafist vorgestellt, der schließlich zum Vordenker einer Vereinbarkeit von Scharia und Demokratie wird. Als Muhammad Asad und „Wegbereiter für einen Dialog zwischen den Kulturen“ ist ihm in der Hannoverschen Straße 1 sozusagen zwischen Humboldt-Universität und Charité in Berlin Mitte eine Gedenktafel gewidmet.

In seinem sehr einflussreichen Buch Islam at the crossroads, 1934, das als Islam am Scheideweg 2013 ins Deutsche übersetzt worden ist, entwickelt der 1926 in Berlin vom Judentum zum Islam konvertierte Muhammad Asad eine moderne Staats- und Regierungslehre aus dem Hintergrund von westlicher Zivilisation, Sozialismus und Nationalsozialismus auf der Grundlage des Islam. Die anti- und postkolonialistischen Staatenbildungen der islamischen Welt von insbesondere Saudi-Arabien und Pakistan finden vor dem Hintergrund dieser Übersetzungsarbeit des Islam und der Scharia in die Moderne statt. Und, worauf Weidner nicht genauer einging, sie findet in British-India ab 1932 auf Einladung von Muhammad Iqbal als islamischen Dichter, Gelehrten und Politiker sowie Vordenker Pakistans als Nation im Umfeld von Literatur und Politik statt.

Islam at the crossroads wird für die post-koloniale islamische Welt bereits mit seiner sprachlich deutlich an die politischen Sprachmodi der Moderne nach 1900 anknüpfenden Widmung zum Schlüsseltext für den Islam im 20. Jahrhundert: „the Muslim youth of today in hopes that it may be of benefit”. Dass die (muslimische) Jugend von heute vom Buch und seinem Programm profitieren möge, ließe sich in den politischen Versprechen des Sozialismus, Kommunismus, Zionismus oder Nationalsozialismus fast gleichlautend finden. Das Versprechen an die Jugend in einer Kombination von Moderne, zivilisatorischem Fortschritt und Rechtssicherheit wird auf diese Weise mit alternativen Zukunftsperspektiven und Aussicht auf Gemeinschaft verknüpft. 

 

Weidner stellte Islam at the crossroads vor allem als einen Text des Salafismus vor und regte damit zum Nachdenken über die Diskussion um den Islam und den ubiquitären Begriff der „Salafisten“ im medialen und politischen Sprachgebrauch an. Weiss|Asad formuliert den Islam unter den Bedingungen der Moderne als Gegenentwurf zur „Western civilization“, wenn er schreibt „(t)his little book (…) is the statement of a case as I see it: the case of Islam versus Western civilization“. Oder: „We must guard against intellectual atmosphere of Western civilization which is about to conquer our society and our inclinations“, worauf Weidner als Zitate hinwies. „The imitation (…) of the Western mode of live by Muslims is undoubtedly the greatest danger of the existence (…) of Islamic civilization”. Das Versprechen auf die Zukunft des Islam wird vor allem als Gefahr vor dem Verlust einer existierenden und repräsentierbaren „Islamic civilization” von Asad formuliert. Die Wandelbarkeit und Vielfalt der islamischen Zivilisationen wird unter den Vorgaben der Moderne streng dichotomisiert.  

Fragt man danach, welche Strukturierung Leopold Weiss als Muhammad Asad mit seiner Konversion und Erzählung vom Islam in der Moderne um 1926 vornimmt, dann wird als islamische Zivilisation gesetzt, verortet, was fast zeitgleich bei Else Lasker-Schüler in Texten und Bildern völlig andere Züge beispielsweise mit „Jussuf“ und seinem Brief an die „entzückenden Brüder“ annehmen konnte und nach 1933 unter den Versprechen der Rettung einer ursprünglichen, reinen, nationalen Kultur ausgegrenzt, vernichtet und vergast(!) wird. Vor diesem Hintergrund wird Islam at the crossroads zu einem sprechenden Text vom Kontroll-, Ursprungs- und Bewahrungswahn der Moderne. Christoph Peters hatte mit seinen Ausführungen zum Islam und dem Salafismus unglücklicherweise leider nicht einmal Else Lasker-Schüler bzw. Jussuf im Blick. Wer immer auch Jussuf ist oder gewesen sein mag, durch den ziemlich kruden Relativismus, zu dem sich Peters hinreißen ließ, muss er/sie sich fürchten.   

Klaus Briegleb entfaltete die Frage nach der Konversion mit Heinrich Heines Marranentum auf entschieden andere Weise. Denn Marranen wissen nach Briegleb möglicherweise oder auch sehr wahrscheinlich gar nicht, dass sie es sind. Denn der Begriff des Marranen ist ein vieldeutiger, der zunächst zum Christentum konvertierte Juden als Marranen stigmatisiert. Denn nach dem Kaschrut gilt Schweinefleisch als nicht koscher. Insofern der Marrane, obwohl er zum Christentum übergetreten ist, kein Schweinefleisch isst oder doch wird es zu einer Entscheidungsfrage. Was in Islam at the crossroads streng verortet, u.a. Schweinefleisch, wird, dichotomisiert und als Textexegese der Moderne Zukunft, Wahrheit und eine Rechtsposition verspricht, wird in der Heine-Lektüre des Literaturwissenschaftlers Klaus Briegleb ─ ›Ihr Toren, die ihr im Koffer sucht!‹ Zu Heinrich Heines Marranentum ─ zur Schmuggelware zwischen West und Ost oder Antwerpen und Nowosibirsk, um es einmal so zu sagen. Sie lässt sich nicht im Koffer finden.  

Auf literarische Weise eröffnete Klaus Briegleb seinen Vortrag damit, dass Rahel Levin Varnhagen ihr Marranentum an Heinrich Heine übergeben habe. Seine Heine-Lektüre hält sich in einem Modus zwischen Literatur oder literarischer Anknüpfung und Wissenschaft, womit er in der Heine-Forschung eine wichtige Haltung einnimmt. Briegleb hatte seinen Vortrag dem am 30. September 1944 in Auschwitz gestorbenen Marranen- und Heine-Forscher Fritz Heymann gewidmet. 1937 hatte Heymann im Amsterdamer Exil Der Chevalier von Geldern. Eine Chronik vom Abenteuer der Juden im Querido Verlag veröffentlicht. Heymann schreibt in seiner Chronik beispielsweise: „Vielleicht wäre die Geschichte der Juden anders verlaufen, wäre sie anders geschrieben worden.“ (S. 22) Er schreibt diese andere Geschichte als eine marranische u.a. von dem Boxer Danny Mendoza und schickt sie im August 1937 aus dem Postbus Zuid 68 in die Welt hinaus. Denn die „marranische Schreibweise“ knüpft mit Briegleb an die Formulierung einer „Selbstverwirklichung durch Geheimhaltung“ an. Deshalb lässt sich das Geschriebene nicht einfach auf einen Sinn oder Inhalt festlegen. Bei Rahel Levin Varnhagen lässt sich eine solche Schreib- oder gar Kommunikationsweise vielleicht mit einer Formulierung aus ihrem Brief vom 9. Oktober 1830 an Friedrich von Gentz denken: 

… Heine wurde uns vor mehreren Jahren zugeführt, wie so Viele, und immer zu Viele; da er fein und absonderlich ist, verstand ich ihn oft, und er mich, wo ihn Andre nicht vernahmen, das gewann ihn mir; und er nahm mich als Patronin…[5] 

In der Weise wie Rahel Levin Varnhagen das Absonderliche, das sich von einem gewöhnlichen Verständnismodus unterscheidet, als Möglichkeit des Verstehens und Vernehmens formuliert, wird auch eine Art Vertrag mit der Patronin geschlossen, der sich vor allem darin erweist, dass er, wie sie an Gentz schreibt, nicht eingehalten wird. Denn Heine zeigt ihr „vor dem Druck“ offenbar kaum etwas, um ihr dennoch oder gerade deshalb ungefragt, als „Friedericke Varnhagen von Ense“ 1827 die Lieder der Heimkehr im ersten Band vom Buch der Lieder auf Seite 10 zu widmen. „Friedrike Varnhagen von Ense werden die Lieder der Heimkehr, als eine heitere Huldigung, gewidmet vom Verfasser.“[6] Briegleb formulierte denn auch das Verhältnis von Heinrich Heine und Friederike|Rahel Varnhagen als „sprachlich ausgebildete Situation" und widmete sich den „Situationsmerkmalen eines Gesprächs".

 

Mit einer Rezitation einer Passage des Gedichts Dona Clara aus dem Buch der Lieder (1927, S. 267ff) knüpfte Klaus Briegleb an die Situationsmerkmale des Gesprächs an. Denn es wird ein Gespräch in verseweisem Dialog zwischen der „Alkaden Tochter“ auf einem Schloss und einem, dem heiligen Georg gleichenden Ritter inszeniert. Dona Clara verliebt sich in den Ritter und wettert heftig gegen die Juden, die den Heiland „Boshaft tückisch einst ermordet“.  Heine dichtet und inszeniert mit Dona Clara nach Briegleb ein marranisches Gespräch, ohne dass er für sich selbst den Namen Marrane gebraucht hätte. Gleichwohl trägt die Schlussformulierung eines „Ich ... bin" jene Züge des Bekenntnisses in der Moderne, die im mittelalterlichen Spanien schwer zu formulieren gewesen wären. Doch Heines Gedicht mit seiner bekenntnishaften Formulierung lässt offen, ob der junge Ritter nur aussieht wie der Heilige George, der ein Jude ist, der zum Christen konvertiert ist, oder ob er als Sohn des Rabbi von Saragossa weiterhin Jude ist.

„Ich, Sennora, Eu'r Geliebter,
Bin der Sohn des vielbelobten,
Großen, Schriftgelehrten Rabbi
Israel von Saragossa.“ 

 

Torsten Flüh 

 

Nächste Mosse-Lecture: 

Hans Joas 

(Humboldt Universität, University of Chicago) 

»Ein Christ durch Krieg und Revolution.  

Alfred Döblins Erzählwerk November 1918« 

Donnerstag, 25.06.2015, 19 Uhr c.t. 

Unter den Linden 6, Senatssaal

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[1] Anm.: Das Bildgebungsverfahren des Moses Maimonides im 18. Jahrhundert ist nicht zuletzt deshalb erwähnenswert, weil seine Epoche gerade unter er Herrschaft der Almohaden von einem strikten Bilderverbot belegt war. Thesaurus antiquitatum sacrarum …in quibus veterum Hebraeorum mores, leges, instituta, ritus sacri, et civiles illustrantur… (Thesaurus of sacred antiquities in which are illustrated the customs, laws, institutions, sacred and civil rites of the ancient Hebrews…) a 34-volume Latin anthology on Judaism by Blasio Ugolini (b. ca. 1700), published in Venice by the house of Giovanni Giacomo Hertz from 1744 to 1769. Picture

[2] Stroumsa, Sarah: Conversions and Permeability between Religious Communities. In: Muehlethaler, Lukas (Hg.): »Höre die Wahrheit, wer sie auch spricht« Stationen des Werks von Moses Maimonides vom islamischen Spanien bis ins moderne Berlin. (Herausgegeben im Auftrag des Jüdischen Museums Berlin.) Berlin 2014 S. 32-39

[3] Ebenda S. 32

[4] Ebenda S. 38

[5] Hahn, Barbara: Rahel Levin Vanhagen – Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde. Göttingen 2011. Band 5. S. 362

[6] Heine, Heinrich: Buch der Lieder. Hamburg, 1827. (Deutsches Textarchiv)