Vom Verschwinden und Wiederkehren - Ute Lindners Ausstellung Pentimenti im Löwenpalais

Pentimento – Bild – Spiegelung

 

Vom Verschwinden und Wiederkehren

Ute Lindners Ausstellung Pentimenti im Löwenpalais der Stiftung Starke

 

Die Spiegelszenarien, die Ute Lindner in der aktuellen Ausstellung der Stiftung Starke im Löwenpalais an der Königsallee entwirft, lassen Bilder verschwinden und anders wiederkehren. Dafür hat sie in einer Arbeit auf ca. 5 Meter langen bzw. hohen Stoffbahnen in ganzer Breite des Gartensaals ein photo-graphisches Spiegelbild in Preußisch Blau geschaffen.


Preußisch Blau hieß am Abend des 16. September dementsprechend das 5-Gänge-Menu, das der Koch-Künstler Bernhard Thome mit seinem Team eigens entworfen hatte. Die Gänge nannte er denn auch: „unberührbar“, „Gegensätzliche Einheiten“, „nah – fern – tief“, „Preußisch Blau“ und „Süßes Gift“. Thome setze seine Kreationen direkt in eine Korrespondenz mit den Arbeiten von Ute Lindner im Löwenpalais, die noch bis zum 28. Oktober 2012 zu sehen sind.

Das Preußische und das festliche 5-Gänge-Menu im Saal zur Königsallee haben auf mehrfache Weise Bezug zu den Ursprüngen des Hauses. Die Villa Habel wurde 1903-1904 im Auftrag von Emilie Habel, Brauereibesitzerin, von Bernhard Sehring in einer Kombination aus Neo-Barock und ersten Jugendstileinflüssen in der Fassade erbaut. In der schnell wachsenden Villen- und Landhausbebauung auf der Königsallee um 1900 nimmt die Villa Habel als Löwenpalais eine besondere Stellung ein. Die Anlage des Saals zur Königsallee mit der halbrunden Fensterfront über zwei Geschosse ist höchst repräsentativ angelegt.


Der Weinhändler Johann Simon Habel wurde laut Neuer Deutscher Biographie 1752 in Hachtel bei Rothenburg/Tauber geboren und verstarb 1826 im Berlin. Nachdem er zum Königlichen Kellermeister am Hof Friedrich II. aufgestiegen war, eröffnete er 1779 auf dem Grundstück Unter den Linden 30 mit seinem Bruder Johann Georg ein Lokal und eine Weingroßhandlung, die über sechs Generationen im Familienbesitz bleiben sollte. Doch die Familie Habel machte nicht nur im Weinhandel ihr Vermögen, sondern offenbar schon früh in der Bierbrauerei. Denn Johann Georg war gelernter Bierbrauer.


Die Bauherrin Emilie Habel ließ von Bernhard Sehring auch mit der reichen Allegorie des Kupferdachs lieber den Wein als das Bier betonen. Unter üppigen Weinreben sind neo-barocke Putten mit einer Girlande verbunden. Mit der Bierbrauerei und nicht dem Weinhandel ließ sich um 1900 im industriellen Berlin ein Vermögen machen. Das Haus hat allerdings in den 30er Jahren eine Umgestaltung zum Mehrfamilienhaus mit Balkonen erfahren. Erwähnenswert war die laut Denkmaldatenbank in der Mitte des Hauses hinter dem Saal angesiedelte geräumige Küche, die eben eine höchst moderne Logistik für festliche Anlässe versprach.

Ute Lindner arbeitet gern in photographischen und spiegelnden Verfahren. Mit Pentimenti hat sie dabei eine weitere Drehung erreicht. Was heißt Pentimenti? Wie hat Ute Lindner mit ihrer Arbeit in Preußisch Blau das Pentimento verschoben?


Unter Pentimento versteht man in der Kunstgeschichte im Allgemeinen eine Übermalung. All jene Übermalungen, die heute häufig durch Röntgen- oder andere Verfahren ein Bild unter dem Bild sichtbar werden lassen, können als Pentimenti verstanden werden. Pentimenti lassen sich auf den Gemälden der unterschiedlichsten Maler wie z.B. früh bei Rogier van der Weyden und seinem Johannesaltar (um 1455) beobachten. Meistens versuchen Kunsthistoriker mit diesen Verfahren, die Provenienz und/oder einen ursprünglichen Sinn des Gemäldes zu klären.

Doch das Pentimento ist vor allem eine italienische Formulierung. Sie wird als „ripensamento in corso d’opera“ von ripensare und mente oder mento formuliert, was dann als ein Überdenken des Sinns (mente) - oder des Kinns (mento) - während der Arbeit am Werk verstanden werden kann. Mit anderen Worten: im Pentimento ist mit dem ri-pensare auch eine Art der Wiederholung am Werk, die eine Übermalung zur Folge hat. Sie ist gekoppelt an die Un-Sichtbarkeit von Bildern.

Ute Lindner hat den Titel Pentimenti gut gewählt. Geht es doch in ihren Arbeiten oft darum, was durch Techniken des Spiegelns sichtbar oder unsichtbar wird. Entgegen der technologisch-kunstwissenschaftlichen Praxis ein ursprüngliches Bild hinter der Übermalung, hinter dem Bild zu lokalisieren, gibt es eine derartige Ursprünglichkeit des Bildes bei der Haupt-Arbeit im Löwenpalais nicht. Will man der Arbeit auf die Spur kommen, dann sind hier von Anfang an mixed media – Photo-Graphie, Computer, Zeit, Chemie … – am Werk.

Der Vorgang des Überdenkens zwischen Sinn und Kinn verflüchtigt sich in einen Prozess. Pentimento wird häufig auch mit Meinungsänderung übersetzt. Doch gerade das subjektlogische Meinen und die Meinung werden im Pentimento fragwürdig, weil das prozesshafte Malen vor allem bei Malern, die keine „eindeutigen“ Skizzen vorgezeichnet haben, eben immer auch das Verschwinden und das Wiederkehren von Bildern eine Rolle spielt. Darin wäre dann anders als in der Kopie eine Ursprünglichkeit denkbar.

In ihren photo-graphischen Arbeiten hat Lindner früh geradezu an Verfahren des Surrealismus und dem Readymade angeknüpft. In der Gemäldegalerie in Kassel und in Bremen fand sie die alte Wandbespannungen als langzeitphotographisches Bild. Denn die Bilder/Gemälde, die dort gehangen hatten, hinterließen in ihrer ganz individuellen Größe dunkle Lichtbilder. Die Bilder sind prä- und absent zugleich. Ute Lindner hat sie unter dem Titel Belichtungszeiten seit 1995 ausgestellt. Die surrealistische Tätigkeit des Findens von Kunst wandte Lindner so auf die Photo-Graphie an. „Ich habe die Bilder nicht gemacht. Ich habe sie gefunden“, sagt Ute Lindner freimütig.

Licht arbeitet. Doch damit aus der Arbeit des Lichts Kunst wird, bedarf es zumindest eines weiteren Mediums, könnte man sagen. In dem Moment, wenn das merkwürdig ab- und anwesende Bild auf der Wandbespannung ausgeschnitten und auf einen Rahmen gespannt wird, entsteht Kunst. Es muss erst einmal jemanden geben, die/der die Kunst findet, damit sie als solche entstehen kann. 

Den Prozess des Findens hat Ute Lindner in ihren Arbeiten wiederholt genutzt und inszeniert. Finden heißt auch etwas Verlorenes, ursprünglich herzustellen. Pentimenti bekommt hier eine weitere Ebene. Denn im Pentimenti manifestiert sich nicht etwa die Künstlerin Ute Lindner, vielmehr nimmt sie sich auch ein Stück weit aus dem Arbeitsprozess heraus, der nicht ohne sie stattfinden würde.

Eine ähnliche Faszination üben ihre spiegelnden Arbeiten mit Glas bzw. Scheiben aus. In den Scheiben wie La Jolla (2008) spiegelt sich immer auch der Betrachter. Und die Spiegelszenarien in den Glasarbeiten machen es oft nahezu unmöglich, Spiegelbild und Körper voneinander zu unterscheiden. Alles scheint sich bis zum Verschwinden gegenseitig zu spiegeln: Glasflächen in Glasflächen, Innen in Außen und umgekehrt.

Lokalisieren lassen sich die Bilder nicht mehr. Der Ort des Bildes ist nicht einfach dort oder da. Sind die Bilder vor oder hinter einem? Wie kommt man dazwischen? Der Ort des Bildes lässt sich kaum mit einem deiktischen Da festmachen.  Wenn man dem Spiegeln auf die Schliche kommen will, kann man sich leicht zwischen den Scheiben verlieren.

Bernhard Thome hat offenbar mit dem Gang „nah – fern – tief“ diesen Vorgang des Spiegelns im Medium der Küche aufgenommen und fortgesetzt. Die Lokalisierbarkeit von „nah – fern – tief“ – „Gelacktes vom Schwäbisch Hallischen Naturschein mit Blaubeersorbet“ – ist nämlich genauso schwierig wie beim Spiegeln. Das Stück sehr asiatischen, heißen Bauchfleisches auf Schiefer serviert, lässt nämlich zunächst den Geschmackssinn wanken. Schmeckt das Sorbet nicht eher nach Pflaume? Überhaupt ist die Kombination des dampfend heißen Bauchfleischs mit dem Sorbet höchst abenteuerlich, weil man nicht so genau weiß, ob man noch bei einer Vorspeise, einem Vorgang oder schon bei der Nachspeise ist.

Bei Ute Lindner geht es wie bei Bernhard Thome stets um ein Spiel mit den Sinnen. Sieht man genauer das Tableau von Pentimenti in Preußisch Blau an, dann kommen ganze Spiegelräume in den Fenstern zum Vorschein. Doch diese Räume lassen sich mit dem Augensinn nicht lokalisieren. Mal tut sich ein regelrechter endloser Spiegel-Gang auf, mal erscheint der Raum vor dem Fenster und mal dahinter. Das Bild – und das ist womöglich eine der wichtigsten Erfahrungen mit Lindners Arbeiten – lässt sich nicht an einem Ort feststellen. Der Ort des Bildes ist immer ein anderer, der auf ein anderes Bild verweist.


Die Ortlosigkeit als das Un-Heimliche wie es Homi K. Bhabha in Anknüpfung und keinesfalls im Gegenentwurf an Jacques Derrida mit The Location of Culture entworfen hat, könnte man bei Ute Lindner mit The Location of Image weiterschreiben. Denn auch darin überschneidet sich die Frage nach dem Bild mit dem Image als Selbstbild: Wo wäre denn das Image, wenn es nicht immer schon in den Prozess des Spiegelns eingefaltet wäre? Insofern lässt sich der Mythos des Narziss auch als ein anderer Narzissmus lesen. Narziss findet sich nämlich keinesfalls im Spiegelbild, sondern verliert sich darin, wahrscheinlich weil er zu sehr nach dem Image sucht.

Kommen wir auf das Menu von Bernhard Thome zurück. Denn auch mit den einzelnen Gängen geht es hier im Feld des Geschmackssinns ums Finden und Verlieren. Es begann damit, dass er als ersten Gang „unberührbar“ ein Onsen Ei mit komplementärem Spinat und Roter Beete in der Petrischale servierte. Die Besonderheit eines nach japanischer Weise zubereiteten Onsen Eis besteht darin, dass das Ei bei 50 Grad sehr lange gekocht wird und deshalb nur das äußerste Eiweiß zu stocken beginnt. Es ist also keinesfalls mit einem pochierten Ei zu verwechseln. Die Kunst besteht darin, das Ei, das man nicht berühren kann, aus der Schale auf den Teller zu bekommen.

Das schwarze Knoblauchöl, das Thome zum Risotto mit gefülltem und sehr zartem Tintenfisch als „Gegensätzliche Einheiten“ serviert, verleitet sofort zur künstlerischen Aktivität. Sobald sich ein kleiner See schwarzen Knoblauchöls auf dem Teller verteilt hat, musste ich an Miró denken. Ich hätte wie Miró mit dem Öl malen wollen, obwohl es um das Schmecken ging. Und bei Miró geht es im Malen oft genug um das Hören.

Sinnlichkeit stellt sich ein, wenn mehrere Sinne in gang gesetzt werden. Das geschah nicht zuletzt mit „Preußisch Blau“ als „Dekonstruktion der Königsberger Klopse“. Kann und sollte man die Dekonstruktion mit Derrida doch nicht zuletzt als ein Sinnlich-werden des Sinns praktizieren. Die Festschreibungen zum „Hausgericht“ Königsberger Klopse werden hier ausgelöst und umgeschrieben, was nicht zuletzt ein Sardellenfilet über der Zitrone anzeigt. Und der Klopse ist bei Thome nicht etwa gekocht, sondern mit Hack vom Kalb leicht angegrillt.

Auch mit dem finalen „Süßen Gift“ lässt sich bei Thome an die Dekonstruktion und die buchstäbliche Übereinstimmung von Gift im Deutschen mit dem Geschenk im Englischen denken. Was sich im Gift auflöst ist eine feste Zuordnung, die vielleicht niemals bestanden hat, weil Gifte immer abhängig von der Dosis sowohl Gutes wie Schlechtes bewirken können. Der „Fliegenpilz“ von der Tonkabohne mit Mohnmousse, schwarzer Bohnen Creme und Schaum von der Muskatblüte spielt eben auch mit der Doppeldeutigkeit der Sprache. Denn der Fliegenpilz kann ebenso als Halluzinogen für Flugträume wie zur tödlichen Vergiftung genutzt werden.

Und dann stellt sich überhaupt bei einem Menu im Gespräch mit den anderen Gästen am Tisch unter dem Wandbild Pentimenti jener leichte Rausch ein, dass die Unterhaltung immer angeregter wird und nach allen Seiten über den runden Tisch geht. Mit anderen Worten: - und da erzählt Brillat-Savarin eigentlich immer viel zu sehr abgeschlossene Gespräche vom und beim Essen – der Genuss eines Gourmet-Essens besteht darin, sich im Gespräch, das nicht enden will noch soll, zu verlieren. Es lässt sich eigentlich nicht sagen, ob man über das Essen zum Gespräch kreuz und quer über den Tisch gekommen ist, oder was es sonst bewirkt hat. Man kann und muss es leider nur abbrechen.

 

Torsten Flüh

 

Ute Lindner

Pentimenti

Stiftung Starke

Mo.-Fr. 10:00 bis 17:30 Uhr
Löwenpalais

Königsallee 30/32    

14193 Berlin

 

Kunst & Kochen

Bernhard Thome


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Categories: Eat out | Medien Wissenschaft

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