Witness's Eyes Wide Shut - Robert Harveys Witnessness im Gespräch mit Sigrid Weigel

Witness – Zeuge – Ethik

 

Witness’s Eyes Wide Shut

Robert Harveys Witnessness im Gespräch mit Sigrid Weigel

 

Das Unübersetzbare zwischen der englischen, der französischen und der deutschen Sprache spielte im Gespräch zwischen Robert Harvey und Sigrid Weigel am Mittwoch im ZfL eine prominente Rolle. Vorgestellt wurde Robert Harveys Buch Witnessness. Auf Wunsch des Verlegers hat Harvey den unübersetzbaren Neologismus als Titel mit dem Untertitel Beckett, Dante, Levi and the Foundations of Responsibility versehen.

Während das von Witness, zu Deutsch Zeuge, abgeleitete Witnessness als Titel nahezu ausschließend wirkt, verspricht der Untertitel zunächst ein Buch über Samuel Beckett, Dante Alighieri, Primo Levi und die Begründungen der Verantwortlichkeit. Gleichzeitig spielt der Titel mit der merkwürdigen Doppelung des ness auf die Diskussion der Zeugenschaft und dem Zeugen nach Auschwitz an.

 

Indem Harvey in seinem Buch das literarische Kunstwort Witnessness durcharbeitet, eröffnet er nicht weniger als eine universale Ethik. Martin Crowley von der Cambridge University nennt Witnessness: “A wise and passionate book, whose fundamental ambition – to develop an effective universal ethics – is compellingly accomplished.”

Sigrid Weigel tastete sich im Gespräch mit Robert Harvey an die Konzeption des Buches und seine Hintergründe heran. Denn das Ende 2010 im Continuum Verlag in New York und London erschienene Buch, passt nicht nur in den Forschungsbereich Zeugen und Zeugenschaft am ZfL. Vielmehr noch verspricht es eines der grundlegenden Bücher zur Themenkonstellation Zeugenschaft, Verantwortung und Ethik zu werden.

 

Wenn man heute von Universalität als einer für Alle zutreffenden Geltung spricht, dann kann damit nur ein prozessuales Verfahren und keine Aussage gemeint sein. Denn der Anspruch auf eine universelle Geltung selbst wäre bereits ein ethisches Problem. Deshalb kreisten die Fragen zum und das Gespräch über das Buch ausführlich um seine Koordinaten. Wie ist das Buch geschrieben und aufgebaut? In welchem Feld von Verweisen und Anklängen wird Witnessness durchgearbeitet?

Wie im Buch so auch im Gespräch erläuterte Robert Harvey zunächst einmal, dass sein Buch keines über Beckett, Dante und Levi sei, sondern mit diesen Autoren die grundlegende Ethik von Witnessness entwickelt. Er knüpft damit für das philosophische Thema der Ethik an drei literarische Autoren an, die unter einander bereits stark vernetzt sind. Durch die Anknüpfung seinerseits wird Harveys tendenziell literarisch.

 

Robert Harvey ist Professor für Französisch und Vergleichende Literaturwissenschaft und in dieser Position Dekan des Instituts für Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaften an der State University of New York at Stony Brook. Von 2001 bis 2007 war er Programm-Direktor des Collège International de Philosophie in Paris. Es wurde 1983 von Jacques Derrida und anderen gegründet.

Insbesondere Samuel Becketts später, kurzer Text Worstward Ho (1982), den er selbst als einzigen seiner Texte als unübersetzbar bezeichnete und, wie Harvey herausarbeitet, bereits in einer perfekten Bilingualität (S. 5) von Englisch und Französisch geschrieben ist, funktioniert für ihn als Anknüpfung für seine Arbeit. Die perfekte Bilingualität macht Harvey an der Polysemie von on im Englischen und Französischen deutlich. In Worstword Ho lässt sich nicht festlegen, ob und wann on Französisch – man – oder Englisch als Adverb oder Präposition gebraucht wird. 

 

Die Vernetzheit der Texte unter einander, die Textualität der Texte führt Harvey nicht zuletzt an Worstward Ho und Dantes Purgatorium vor. Beim Schreiben von Worstward Ho sei Dantes Purgatorium/Läuterungsberg für Beckett nicht fern. Der Text erweist sich als ausgespannt zwischen dem Französischen, dem Englischen und dem Purgatorium. Nicht zuletzt geht es dabei immer um das Sehen des Zeugen, des Witness, das ein Sehen der Einbildungskraft ist, der Imagination. Sie macht den Zeugen allererst zum Zeugen.

Das Sehen mit geschlossenen Augen, die weit aufgerissen sind – eyes wide shut (S. 10) – ist eine grundlegend paradoxe Formulierung des Witness mit Robert Harvey. Obwohl die Augen weit aufgerissen sind, um zu sehen, sehen sie doch nicht. Andererseits sehen die geschlossenen Augen des Witness durch die Imagination. Man muss Harveys Buch in der Folge von Worstward Ho lesen, um die Kraft der paradoxen Formulierungen würdigen zu können.

 

Im Gespräch formulierte Sigrid Weigel die Frage, wie man im Deutschen mit dem Thema des Zeugen und der Zeugenschaft umgehen könne, wenn die Polysemie von Witness und Temoin (Französisch Zeuge) in Witnessness so nicht im Deutschen durch gearbeitet werden kann. Die Frage betrifft Harveys Verfahren des „working through“, des Durcharbeitens zutiefst. In der deutschen Sprache und mit ihr müsste eine „Zeugenschaftschaft“ anders durchgearbeitet werden.

Es ist der multilinguale Prozess des Lesenschreibens – Englisch, Französisch, Italienisch, Latein, Griechisch, Sanskrit – mit dem Witnessness als universale Ethik von Harvey durchgearbeitet wird. Deshalb schreibt er Witnessness nach den „Koordinaten“ eines „Vokabulars“, das ihn die Implikationen eines Witness in der Bedeutungsvielfalt von wit und ness, testimony, martyr und imagination etc. nachhören lässt.

 

Insbesondere an der umstrittenen und wiederholt diskutierten Formulierung der Muselmänner als die anderen Semiten, die anderen Juden in Auschwitz durch Primo Levi in seinem 1947 zuerst publizierten Buch Si questo e un uomo, das erst 1961 als Ist das ein Mensch? veröffentlicht wurde, zeigt sich die Reichweite von Harveys Verfahren. Einerseits verweist er darauf, dass Levi für seine Formulierungen der Hölle von Auschwitz, Dantes Inferno zitiert hat, während Beckett das Purgatorium zitiert. Andererseits macht er die Tragweite von Levis Formulierung des al fondo down to the bottomam Boden - deutlich.

All the Muselmänner who finished in the gas chambers have the same story; they followed the slope down to the bottom, like streams that run to the sea. …

(Mit Hervorhebungen zitiert nach Robert Harvey S. 21)

Harvey arbeitet die Vieldeutigkeit der Formulierung heraus, um deutlich werden zu lassen, dass der Witness als Survivor nach einer späteren Formulierung Primo Levis nicht der eigentliche Zeuge/i testimoni integrali ist. Der testimoni integrali wäre vielmehr der, von dem sich Levi mit einem „wir“ unterscheidet. In seinem letzten Buch I sommersi e i salvati, 1986 (dt. Die Untergegangenen und die Geretteten, 1990) hat Levi nach Harvey „the most valuable theory of the witness“ vorgelegt. 

 

Indem Levi schließlich mit Nachdruck formuliert, dass die Überlebenden nicht die wahren Zeugen sind, erstattet er den Muselmännern als wahre Zeugen ihre Integrität zurück.

I must repeat: we, the survivors, are not the true witnesses.

(Mit Hervorhebungen zitiert nach Robert Harvey S. 23)

In der Durcharbeitung der eigenen Zeugenschaft nach 40 Jahren wird der Muselmann zum wahren Zeugen. Harvey sieht darin einen Prozess, währenddessen Levi selbst erkannt habe, wie „intolerable the sight of the Muselmann was“. Der wahre Zeuge wäre ein Abwesendanwesender. Mit der Sicht der Muselmänner als derjenigen, die sich am Boden befanden, hatten sich Levi und andere Zeugen auch über die Am-Boden-zerstörten erhoben. In der Erinnerung daran liegt ein grundlegender Aspekt einer universellen Ethik.


Foto: Konrad Kurzacz (Auschwitz I material proofs of crimes)

 

The skull of another, occupied by me, is the room-space where witnessness operates.
(S. 26)

Ein literarischer Zug des Buches lässt sich an Robert Harveys Verwendung des Wortes skull aufzeigen. Der Schädel des anderen ist auch ein Totenschädel oder der Schädel eines Toten. Er wird für ihn zum Raum, wo Witnessness arbeitet, indem er von mir besetzt oder in Anspruch genommen wird. Anders als in der im Englischen üblichen Verwendung des Wortes brain in der Doppeldeutigkeit von Gehirn und Verstand für den Ort des Denkens oder Bewusstseins unterstreicht skull, dass der Schädel als unübersetzbarer room-space (k)ein präsenter Ort ist.


Witnessness lässt mit Robert Harvey eine Ethik für alle anklingen. Dazugehört auch, dass Beckett die Regel verallgemeinert hat, dass niemand alleine gelassen wird.

One is always two, at the very least.        

 

Torsten Flüh

 

Robert Harvey

 

Witnessness

Beckett, Dante, Levi

and the Foundations of Responsibility

 

New York/London 2010