Wunder, Pferderennen und La Flèche - Carlo Ginzburgs Vortrag über David Humes Of Miracles im ZfL

Wunder – Wahrscheinlichkeit – Text

 

Wunder, Pferderennen und La FLèche

Carlo Ginzburgs Vortrag über David Humes Of Miracles im ZfL

 

Am 4. Juli hielt Carlo Ginzburg in der Reihe der Mittwochsvorträge am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung einen Vortrag zu David Humes berühmten und folgenreichen Text Of Miracles aus dem Jahr 1748. Ginzburg stellte den unter Philosophen viel diskutierten Text in den Kontext von Humes Aufenthalt im französischen La Flèche, wo er zwischen 1735 und 1737 am Kolleg mit Jesuiten ins Gespräch kam.

Anders als im philosophischen Kontext geht es Ginzburg weniger um die Frage, ob David Hume mit seiner Widerlegung der Wahrscheinlichkeit von Wundern recht hat oder nicht. Die Wahrscheinlichkeit wird nach wie vor als Paradigma für Wunder in der Philosophie diskutiert. Ginzburg hakt dagegen in die „Konversation zwischen zwei Individuen“ ein, um im kulturgeschichtlichen Kontext die Genese des Essays Of Miracles in La Flèche zu untersuchen.

Of Miracles und A Treatise of Human Nature: Being an Attempt to introduce the experimental Method of Reasoning into Moral Subjects (1739-1740) von David Hume (1711-1776) gehören zu den Schlüsseltexten der (Schottischen) Aufklärung. Der erste Band von A Treatise of Human Nature(National Library of Scotland), Of The Understanding,wurde 1739 anonym von John Noon in London gedruckt. 1748 erschien Of Miracles als Section X. nach der Section IX., Of The Reason of Animals, und vor Section XI., Of a Particular Providence and of a Future State, in An Enquiry concerning Human Understanding und wurden 1777 als Philosophical Essays concerning Human Understanding wieder gedruckt.  

Eine Untersuchung betreffs des menschlichen Verstandes war eine weitere Ausarbeitung des Traktates mit dem neuen Argument. 1762 kommt David Hume in einem Brief an George Campbell, der zuvor A Dissertation of Miracles: Containing an Examination of the Principles advanced by David Hume (Internet Arichive, Princeton Theological Seminary) veröffentlicht hatte, auf die Genese des Textes zu sprechen. Campbell hatte als Principal of the Marischal College of Aberdeen und schottischer Calvinist Humes Of Miracles stark angegriffen und wurde als Folge seiner Dissertation 1770 zum Professor of Divinity am Marischal College der University of Aberdeen befördert.

Campbell nimmt in der Aufklärung durch seine Dissertation insofern eine Sonderstellung ein, als er den Glaubenmit dem Verstand verknüpft. Der Glaube gehöre sozusagen zur menschlichen Natur, womit er die Möglichkeit von Wundern nicht von der Wahrscheinlichkeit abhängig macht. Während Hume die Wahrscheinlichkeit von Wundern u.a. von der Anzahl der Zeugen für ein Wunder abhängig macht, führt Campbell die Zeugenschaft des Einzelnen in den Glauben zurück. Doch Humes Paradigmen bzw. Argumente für die Wahrscheinlichkeit von Wundern sind in der Hume-Forschung selbst umstritten.

Peter Millican vom Hertford College der University of Qxford hat 2009 für das Royal Institut von Philosophy als Hume-Experte seinerseits Humes Paradigmen für die Wahrscheinlichkeit in seinem Aufsatz Mircales and David Hume bestätigt und damit  John Earmans Interpretation scharf zurückgewiesen:

Earman attacks Hume aggressively, describing the argument concerning miracles as “tame and derivative and something of a muddle” (2002, p. 93), “a shambles from which little emerges intact, save for posturing and pompous solemnity” (2002, p. 108). However he misinterprets Hume’s argument badly, and the account given in my talk is intended to refute his dismissal of it.

Indessen macht der Text Of Miracles selbst Probleme. Denn, was Earman als „something of a muddle“ kritisiert und Millican mit dem Beispiel der Errechnung von Wahrscheinlichkeiten bei einem Pferderennen zu widerlegen sucht, hatte auch anderen zu Textoperationen Anlass gegeben. Doch zunächst Millican:

If two propositions are mutually exclusive (i.e. they can’t both be true together), then the probability that at least one of them is true is equal to the sum of the individual probabilities. So if the probability that Teasing Tom will win the race is 0.3 (or 30%), and the probability that Jumping Jane will win is 0.25 (or 25%), then the probability that either Teasing Tom or Jumping Jane will win the race is 0.55, or 55%:

Pr(T or J) = Pr(T) + Pr(J) = 0.3 + 0.25 = 0.55

Eine andere Methode wählte 2002 der österreichische Philosoph und David-Hume-Preisträger Gerhard Streminger von der Universität Graz, der in seinem Kommentar zu Humes Enquiry concerning Human Understanding David Humes Wunderanalyse eine folgerichtige Ordnung der Gedanken Humes unternimmt.

… Es ist (…) eine so mächtige Gedankenlawine geworden, daß Hume ihren Lauf nicht immer dirigieren konnte. Anders ist kaum zu verstehen, weshalb seine Ideen insbesondere im ersten Teil des Abschnitts wild mäandrieren, sodaß dem Gang der Gedanken kaum gefolgt werden kann. Es wird daher in diesem Aufsatz vornehmlich versucht, Humes Ideen in eine folgerichtige Ordnung zu bringen. (Aufklärung und Kritik 2/2003, S. 206)

Wahrscheinlichkeit (Probability) und Folgerichtigkeit der Ordnung der Gedanken sind mit anderen Worten ein Problem des Textes Of Miracles. Und sie sind offenbar miteinander verknüpft, wenn Earman das „something of a muddle“ kritisiert und Millican sie mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen zurechtrückt. In gewisser Weise wird der Text selbst ein wenig wundersam, wenn  er „Jahr für Jahr … Arbeiten in theologischen und philosophischen Zeitschriften …, in denen Humes Wunderanalyse einmal kritisiert, dann wieder verteidigt wird“[1] hervorruft. Deshalb verdient Carlo Ginzburgs kulturgeschichtlicher Ansatz einige Aufmerksamkeit, weil er den Text weder neu berechnet noch „folgerichtig“ ordnet.

Michael P. Levine von der University of Western Australia gehört bereits seit 1988 und seinem lösungsorientierten Buch Hume and the Problem of Miracles: A Solution bzw. seit 2011 mit seinem Artikel in Philosophers on miracles in The Cambridge Companion to Miracles zu den wichtigen Akteuren der Hume- und Wunder-Forschung. Ginzburg knüpfte in seinem Vortrag an einen Artikel Levines von 2009 an. Denn Levine sieht Humes Leistung vor allem in „his empiricism“. Damit erklärt Levine Hume auch zu einem Vorbild für „contemporary western analytic philosophers“.

Ginzburg brachte in seinem Vortrag, den er als work in progress bezeichnete, Guillaume-Hyacinthe Bougeants Amusement philosophique sur Langage des bêtes (Orignial: bestes) von 1739 aus dem Umkreis von La Flèche ins Spiel. Bereits 1740 erschien das Buch als Philosophischer Zeit-Vertreib über die Thier-Sprache[2] in Leipzig und Frankfurt mit einem „Vorbericht an den geneigten Leser“ eines nicht genannten Übersetzers. Der Übersetzer gibt eine Einführung in das Buch und berichtet davon, dass der „Pater Bonjeau“, d. i. Bougeant,

nicht allein darüber zur Verantwortung gezogen, sondern auch genöthiget worden, deshalben einen öffentlichen Widerruf zu thun, ja so gar Ihro Königl. Majest. um Vergebung zu bitten. Man sollte kaum vermuten, dass ein Werck von nicht grösserer Erheblichkeit dergleichen Bewegungen veranlassen könnte.      

Der Skandal des als Brief „A Mad… C.“ abgefassten Buches besteht nach dem Übersetzer in einer narratologischen Operation:

… Die Thiere sind den Menschen darinnen denen Menschen zu Lehrmeistern vorgestellt, die ihnen manche nützliche Lektion vorgeben. Unvernünfftige Geschöpfe lehren vernünftige. Heißt das nicht jene zuviel erheben, diese allzu tief herunter setzen? …

Was als Philosophischer Zeit-Vertreib über die Thier-Sprache ironisch vorgetragen wird, vermag den Autor in höchste Gefahr zu versetzen, weil das Amüsement die Macht-Verhältnisse verkehrt und die Vernunft als Paradigma ironisiert. Deshalb werden von den kirchlichen Vertretern und ihrem quasi weltlichen Oberhaupt dem König (von Gottes Gnaden) „Widerruf“ und „Vergebung“ eingefordert.

Ginzburg zitierte eine längere Passage in Englisch, die hier in der deutschen Übersetzung von 1740 als Text erscheint:

Wir empfinden und begreifen uns in uns selber nicht; wie sollten wir denn die Natur der Thiere, und überhaupt alles das, was außer uns ist, begreifen? Thun sie mir den Gefallen, und reisen sie einmal nach Indien, nach China oder nach Japan. Sie werden daselbst heidnische Philosophen antreffen, Deisten und Atheisten, welche, wo nicht mit mehrerm Verstande, zum wenigsten mit größerer Freyheit, reden werden. Einige werden Ihnen sagen: Die Götter hätten unterschiedliche Arten Geister geschaffen; einige darunter wären viel vollkommener als die andern, nehmlich die guten und bösen Genii oder Geister, andere, die nicht so vollkommen wären, das wären die Menschen, und noch andere, die weit unvollkommener wären, die Thiere. Andere werden Ihnen melden: der Unterscheid zwischen Geist und Materie wäre eine nichtwürdige Grille, davon niemand einen Beweis aufbringen könnte; Es wäre gar nichts ungereimtes, wenn man glaubte, dass nicht mehr als nur ein einiges Wesen bey denen Thieren, eben sowohl als bey den Menschen, seine Organisation, oder Einrichtung derer Theile, seine Beschaffenheit der Kräffte, und seine Bewegung habe: es wäre eine Sache, so da machte, dass eines vollkommener oder unvollkommener dencke. Diese Herren wissen von den Grundsätzen der Christl. Religion nichts, sie erkennen auch nicht das Ansehen der Kirche. Sie müssen sie demnach entweder in der eigenen Befestigung angreifen, oder Sie müssten machen, dass sie Christen würden, oder Sie müssten sie mit den Gründen der Metaphysic überführen, welche so schwer auseinander zu wickeln sind. Jedoch ich glaube wohl, Sie werden sich die Reise ersparen, und viel lieber bey dem Hauptsatze verbleiben, worinn ich auch mit Ihnen gleicher Meynung bin, der da heißt: Alle diese Systemata sind der Christlichen Religion schnur stracks zuwider, und eben deswegen sind sie auch falsch.                  

Die im Druck mehrere Seiten lange Passage von Bougeants Philosophischem Zeit-Vertreib könnte mit ihrem einführenden Argument, auch einen Wink auf die Frage der Zeugenschaft bei Hume geben. Denn als Zeugen und damit als Argument werden „heidnische Philosophen“ aus Indien, China und Japan,  aufgerufen, die nicht nur mit mehr „Verstand“ sondern, wie es in der von Ginzgburg benutzten Übersetzung heißt, in einem „more enlightened way“ reden werden. Bougeant ironisiert mit dieser Formulierung auch die Zeugen der Aufklärung in Indien, China und Japan. Denn, was als „more enlightened“ beispielsweise von Christian Wolf oder Voltaire mit Konfuzius formuliert und sozusagen auf Friedrich II. übertragen wird, erweist sich vor allem als eine Zeugenaussage gegen das „Ansehen der Kirche“. Die Zeugen werden gefunden, nicht weil sie von vornherein Zeugen wären, sondern weil sie zu Zeugen gemacht werden. Darin hatten die Jesuiten wie „Pater Bonjeau“ beim gescheiterten Versuch der Christianisierung Chinas geradezu höchste Kunst entwickelt.

Bougeants ist als Anreger und Stichwortgeber für Hume auch deshalb nicht uninteressant, weil er bereits 1732 die Komödie Le Saint Déniché ou La Banqueroute des Marchands de Miracles[3] anonym in Lyon veröffentlicht hatte. Offenbar spielt der Name des Heiligen Déniché mit dem Verb dénicher (qn/qc) was soviel heißen kann wie ausheben, aufstöbern, ausfindig machen, aus dem Nest nehmen. Er wäre sozusagen ein Heiliger Ausnehmer, vulgo: Abzocker. Die „Händler der Wunder“ würden also vor allem mit dem Wunder Handel treiben, um die Gläubigen auszunehmen. Bereits im Titel verspricht der namenlose Autor den Bankrott eben dieser Händler, wobei nicht weiter wichtig ist, wie und durch was der Bankrott der Händler der Wunder herbeigeführt wird.

Carlo Ginzburg ging in seinem Vortrag einige andere Wege im Text, der stets gut lesbar projiziert wurde. Doch der Hinweis Humes auf das Gespräch mit einem Jesuiten über Wunder in La Fléche könnte eben auch jene Möglichkeit eröffnen, dass die Ordnung des Textes von Of Miracles deshalb (nicht) folgerichtig ist, weil Hume an ein Gespräch anknüpft, das im Umfeld von La Flèche, dem Skandal von Bougeants Amusement philosophiques und den Händlern der Wunder stattgefunden hatte. Denn was Hume in dem Pretext A Treatise noch zurückhält und im Enquiry als Of Miracles einfügt, folgt auffällig anspielungsreich auf Of the Reason of Animals.          

Die von Carlo Ginzburg eröffnete und vorgeführte kulturwissenschaftliche Arbeit am Text Of Miracles könnte deshalb einige Auswirkung nicht nur auf die Geschichte der Aufklärung haben. Vielmehr gibt sie auch einen Wink auf die wundersame Genese von Texten der Aufklärungen und ihren Verzweigungen. Wenn Le Saint Déniché bereits 1732 erscheint und Amusement philosophique 1739 auch als Philosophischer Zeit-Vertreib von geringer „Erheblichkeit“ zum Skandal wird, wobei an entscheidender Stelle in scherzhafter Weise die Sprache darauf kommt „einmal nach Indien, nach China oder nach Japan“ zu reisen und dass Menschen von Tieren belehrt werden, dann passt dies nicht zuletzt in einen Diskurs, der Friedrich II. von Preußen zum Wunschbild eines „Philosophe-Roi, et Le Roi-Philosophe“ bei seiner Thronbesteigung im Juni 1740 macht.   

Ginzburg kommt mit seinem work in progress mit und wie Hume in seiner zweiten Ausgabe von Of Miracles von 1750 auf das Schreiben und die „inspired writers“ selbst zu sprechen. Denn wie sich mit der Diskussion der Philosophen über Of Miracles vorführen ließ, lässt sich dieser Schlüsseltext der Aufklärung schwer habhaft werden, festlegen oder anhalten. Vielmehr generiert er, mit Streminger, „Jahr für Jahr“ mehr Text.  

 

Torsten Flüh



[1] Streminger, Gerhard: David Humes Wunderanalyse. In: Aufklärung und Kritik 2/2003, S. 205

[2] Anm. ein Exemplar von Philosophischer Zeit-Vertreib über die Thier-Sprache aus der Bayrischen Staatsbibliothek München ist digitalisiert bei verfügbar.

[3] Siehe Google Books: Banqueroute des Marchands de Miracles. (Digitale Ausgabe der Taylor Institution)


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