Zauber der Entfaltung - Sasha Waltz' und Mark Andres gefaltet bei MaerzMusik 2012

Falten – Choreographie – Zeit

 

Zauber der Entfaltung

Sasha Waltz’ und Mark Andres gefaltet bei MaerzMusik 2012

 

„Das Entfalten ist … nicht das Gegenteil der Falte, sondern folgt der Falte bis zu einer anderen Falte“, formulierte Gilles Deleuze bereits 1988 eröffnend in seinem Buch Die Falte. Sasha Waltz und Mark Andre haben nun mit gefaltet - Ein choreographisches Konzert dem Genre Tanz und Konzert eine neue, ganz außerordentliche Falte hinzugefügt. gefaltet beginnt mit dem 2. Satz, Adagio, aus dem Divertimento Es-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart.

Das Divertimento Es-Dur kann man selbst in seiner rätselhaften Einzigartigkeit als eine Falte in der Musikgeschichte und im Werk Mozarts ansehen. Die Einzigartigkeit des Divertimento Es-Dur, KV 563, entsteht nicht zuletzt dadurch, dass das Vergnügen (Divertimento) hier bei Mozart eben nicht vergnüglich klingt. Vielmehr wird mit dem Vergnügen eine zwecklose Entfaltung von Musik vorgeführt. 4 Solisten und 9 Tänzer betreten einen Bühnenraum. Solisten und Tänzer bewegen sich barfüßig als Gruppe rückwärts, dann vorwärts. gefaltet beginnt, sich zu entfalten.

gefaltet erlebte bereits am 27. Januar 2012 während der Mozartwoche seine Uraufführung im Salzburger Landestheater. Jetzt war die jüngste Produktion von Sasha Waltz & Guests in vier Aufführungen im Radialsystem V anlässlich von MaerzMusik, Festival für aktuelle Musik, zu sehen. Am 29. und 30. Juni gibt es im Radialsystem V zwei weitere Aufführung, die man keinesfalls versäumen sollte. gefaltet ist ein Meisterwerk der Ensemble-Arbeit unter Leitung von Sasha Waltz.

Dem Denken der Falte ist der Superlativ fremd, weil es beim „Folg(en) der Falte bis zu einer anderen Falte“ die Bildung eines Superlativs unterläuft. Dennoch muss man an dieser Stelle formulieren dürfen, dass gefaltet zum Besten gehört, was sich derzeit weltweit im Tanz ereignet. Die Zusammenarbeit von Sasha Waltz, Mark Andre, den Solisten und den Tänzer-Choreographen hat ein choreographisches Konzert entstehen lassen, das seinesgleichen sucht und für lange Zeit als einzigartige Faltung existieren wird. Jede Aufführung wird ein Ereignis bleiben, das sich nicht wiederholen lassen wird.

Die Gruppe von Tänzern und Solisten bewegt sich schräg durch den Raum rückwärts, dann vorwärts eine Art Falte nachzeichnend zum Divertimento Es-Dur, während die Tänzer in ein Mikrophon wispern, flüstern, als verrieten sie ein Geheimnis und behielten es gleichzeitig für sich. Von Anfang an wird der Komposition, deren Ursprung und Zweck auf rätselhafte Weise in der reichhaltigen Mozart-Forschung nicht herausgefunden werden konnten, mit der Bewegung der Solisten eine neue Faltung hinzugefügt. Die Solisten stehen oder sitzen nicht, sondern werden selbst Teil der Bewegung in Raum und Zeit.

Im Pressegespräch haben Sasha Waltz und Mark Andre ihre Zusammenarbeit als einen Prozess beschrieben. Was zuerst da war, Choreographie oder Musik, lässt sich nämlich nicht sagen. Vielmehr sprach Sasha Waltz von der Begegnung mit dem ebenfalls in Berlin lebenden französischen Komponisten Mark Andre, aus der der Wunsch nach einer gemeinsamen Produktion gekommen sei. Der Prozess bezieht sich auf Wolfgang Amadeus Mozarts Musik. Da haken beide ein. Waltz von der Seite der Bewegung, Andre vom Klang her.

Die Faltung als Prozess beginnt mit der Entfaltung in Raum und Zeit. Andre:

Eine Faltung repräsentiert klanglich, räumlich, morphologisch eine Art Zwischenbereich und Raumwechsel, ist aber auch auf existenziellerer Ebene zu verstehen: Es geht um den Wechsel, den Abschied, den Anfang und das Ende von Klangtexturen, Klangfamilien und inneren Klangräumen. Deshalb spreche ich auch – überhaupt nicht im negativen Sinn – von Klangruinen und Klangschatten. (Programm)

Es wird wahrscheinlich gar nicht so einfach sein, zu sagen, wer auf den Gedanken mit dem Flüstern ins Mikrophon in der Eröffnungssequenz gekommen ist. Doch genau damit schiebt sich eine Falte über eine andere.

Wenn sich die Körper bewegen, dann verändert sich auch der Klang. Wenn der Klang leicht wird, „verwandelt sich“ der „körperliche Zustand“. Das Faszinierende an der Produktion gefaltet ist, wie Klang und Körper ständig auf einander bezogen bleiben oder werden.

Ich suche nach Bewegungen unterschiedlicher Intensität, unterschiedlicher Dichte, nach einem Äquivalent im Körperlichen für die Veränderung der Klanggestalt. Dadurch entsteht eine Form mit einem bestimmten Timing, mit einer bestimmten Konsistenz und körperlichen Spannung. Diese Spannung transformiere ich, sie löst sich zum Beispiel auf und wird ganz leicht. Der körperliche Zustand verwandelt sich …

Doch es ist eben so, dass sich nicht nur der „körperliche Zustand“ in der Choreographie verwandelt, sondern in der Verwandlung nimmt er den Klang mit. Das lässt sich von Anfang an erleben.

gefaltet ist, so sehr man Sasha Waltz und Mark Andre in die Position der Produzenten rücken mag, vor allem und insbesondere eine Leistung des Ensembles. Das Ensemble – Edivaldo Ernesto, Saju Hari, Todd McQuade, Virgis Puodziunas, Sasa Queliz, Zaratiana Randrianantenaina, Judith Sánchez Ruiz, Yael Schnell und Carolin Widmann (Violine), Guy Ben-Ziony (Viola), Nicolas Altstaedt (Violoncello), Alexander Lonquich (Klavier) – agiert in einem ständigen Austausch miteinander. Die exzellente Carolin Widmann spielt ihre Violine, während Edivaldo Ernesto sie behutsam hebt und dreht. Carolin Widmann gibt den Einsatz zu Klangruine I Gefrorene Klänge, wenn die Tänzer an einen bestimmten Punkt gekommen sind. Im Ensemble sind alle auf einander bezogen.

Mark Andre hat im Pressegespräch selbst darauf hingewiesen, wie wichtig es für seine Komposition war, dass er die Tänzer atmen, ihre Schritte und Bewegungen im Raum hörte. Seine Komposition bezieht sich nicht nur auf Mozarts Musik, sondern ist so sehr auf die Tänzer bezogen, dass er, wie er sagte, selbst während der Proben seine Komposition noch verändert habe.

Das mit dem Divertimento Es-Dur vorgegebene Thema des Vergnügens eines kammermusikalischen Zusammenspiels entfaltete sich mit gefaltet als ein ziel- und zweckloses Umherschweifen. Die exzellenten Tänzer und Solisten fügen von Musikstück zu Musikstück immer eine neue Falte hinzu. Die Sätze aus dem Divertimento, den Sonaten, die Tänze, die Klangruinen etc. werden nie um des Stückes Willen ausgespielt, sondern brechen ab, und werden sogleich in einer Bewegung oder einem anderen Klang aufgenommen. Es gibt keine Geschlossenheit. Wo es in den Kompositionen Mozarts eine Geschlossenheit geben könnte, wird sie für anderes geöffnet.

Dass es keine Geschlossenheit gibt, heißt nicht, dass alles beliebig wäre. Im zeitlichen Rahmen findet eine Abfolge von Ereignissen in Musik und Raum, Körper und Instrument statt, die auf einander bezogen werden. Selbst oder gerade wenn es nur Fragmente sind. Es ist vielleicht diese Bezogenheit des Ensembles in seiner Eigenschaft als Produzenten, die ein wesentliches Faszinosum ausmacht.

Nicht zuletzt spielen die Kostüme (Beate Borrmann) auf vielfältige Weise mit dem Thema der Falte. Die Kostüme sind nicht Verhüllung des Körpers um ihrer selbst willen, sondern fügen sich in die Faltung der Choreographie. Sie erzeugen und verarbeiten die unterschiedlichsten Falten, dass es eine Lust ist. Die Falten eines Hemdes werden im Tanz selbst zu Akteuren der Choreographie.

Die Bezogenheit, beispielsweise wie die Falten eines Hemdes, eines Rockes oder einer Hose in die Choreographie einwirken, entspricht dem Denken der Falte. Man könnte daran denken, von einem Gesamtkunstwerk zu sprechen. Doch das Gesamtkunstwerk geht zu sehr von der Vorstellung des Autors als Individuum aus. Wie die Falten der Kostüme in die Choreographie und in den Klang hineinspielen, so befindet sich das Gesamtkunstwerk durch die Bezogenheit in gefaltet in einem stetigen Werden. Das Individuum und seine Individualität werden zu einem Effekt der Bezogenheit.

Wie sich alles auf einander bezieht, wird die Individualität der Tänzer und Solisten. Und das Gesamtkunstwerk als ästhetische Gesamtheit entsteht eben nur in dem Maße, wie es ständig im Werden begriffen, also niemals in einer Präsenz eingeschlossen ist. Es ist im Werden, das sich zugleich immer löscht und präsentiert. Einerseits betrifft dies die Aufführungspraxis selbst, in der es tendenziell keine Gelegenheit zum Applaus gibt. Andererseits betrifft es eben auch die Individualität, die nie behauptet wird, sondern im Prozess der Faltungen entsteht und gelöscht wird. Daraus entsteht nicht zuletzt mit der Musik von Wolfgang Amadeus Mozart eine schwebende Leichtigkeit.


Foto: Bernd Uhlig

Die Unterschiedlichkeit der Musikstücke und der Bezug auf diese durch die Choreographie und die Kompositionen von Mark Andre machen Individualität. Doch das Individuum wird fraglich, weil es von der uneinholbaren Individualität abhängig ist. Der Unterschied, der in der Produktion an allen Ecken und Enden eine Rolle spielt, scheidet und vereint zugleich die Akteure. Das gilt ebenso für die sehr unterschiedlichen Tänzer wie die Solisten. Der Unterschied wird weniger zum Widerspruch denn zur Bedingung der Produktion. Das ist äußerst faszinierend. Und es hat zur Folge, dass es sehr schwierig wird, einzelne Momente von gefaltet herauszugreifen oder gar zu beschreiben. Einmal „fechten“ Edivaldo Ernesto und Saju Hari mit Violinenbögen und erzeugen dadurch Klänge.


Foto: Bernd Uhlig

Gilles Deleuze kommt gegen Ende seines Buches Die Falte : Leibniz und der Barock auf die „Wasserfalten“ und die Enthüllung zu sprechen:

… Schließlich fältet das Wasser selbst, und das Enganliegende, das Anschmiegende sind ebensolche Wasserfalten, welche den Körper besser als jede Nacktheit enthüllen: …[i]

Im Denken der Falte geschieht die Enthüllung durch Falten. Womit der Falte eine paradoxe Funktion von Verhüllung und Enthüllung zugleich zukommt. Die lässt sich nicht nur für die Kostüme von gefaltet formulieren.


Foto: Bernd Uhlig

Insofern gefaltet von Sasha Waltz und Mark Andre vor allem eine Arbeit über Wolfgang Amadeus Mozart ist, geht es auch um die Enthüllung einer Wahrheit in dessen Musik. Die Vielfältigkeit der Klänge in Mozarts Komposition wird mit anderen Worten durch die Faltungen enthüllt. Dazu gehört bei Mozart, dem Wunderkind und Genie-Komponisten nicht zuletzt die Einsamkeit. In der Solo-Choreographie von Zaratiana Randrianantenaina kommt gerade dieses Moment vor.


Foto: Bernd Uhlig

Zaratiana Randrianantenaina hält sich für eine sehr lange Sequenz auf einem Bein. Es ist kaum entscheidbar, ob sie eher fliegt, als sei sie schwerelos oder ums Überleben in Einsamkeit kämpft. Die Einsamkeit, die sich hier auf Mozart beziehen lässt, wird so  möglicherweise zur Bedingung der Schwerelosigkeit und Schwere zugleich. In der Einsamkeit fliegt Mozart um Hilfe ringend, um es einmal so zu formulieren. Mozart ist eben nicht nur der Hitlistenführer der Oper, den man immer schon kennt, weil er so beschwingt ist. Vielmehr ließen sich gerade die beschwingten Kompositionen als Ringen um Schwerelosigkeit denken.  


Foto: Bernd Uhlig 

Im Werk Mozarts gibt es Aufschwünge und Abstürze, wie sie durch sehr steile Falten entstehen können. Daran erinnern Sasha Waltz und Mark Andre mit gefaltet. Dadurch bekommt die Produktion die Tiefe einer Meditation über Mozart, ohne grübelnd daher zu kommen. Im Denken der Falte gibt es die Tiefe nur als Ergebnis der Faltung. Sie ist eine Frage der Intensität. Und was die Intensität anbetrifft, so darf gefaltet als ein Meisterwerk des Zusammenspiels genannt werden.

 

Torsten Flüh

 

gefaltet

Ein choreographisches Konzert

von Sasha Waltz und Mark Andre

Radialsystem V

29., 30. Juni 2012



[i] Deleuze, Gilles: Die Falte : Leibniz und der Barock. Frankfurt am Main 1995. S. 198