Zeitung und Blog als "Literarisierung der Lebensverhältnisse" - Zu Walter Benjamins Buch EINBAHNSTRASSE und dem Nachtrag Die Zeitung

Zeitung – Literatur – Tiefe 

 

Zeitung und Blog als „Literarisierung der Lebensverhältnisse“ 

Zu Walter Benjamins Buch EINBAHNSTRASSE und dem Nachtrag Die Zeitung 

 

Zeitungssterben und Roboterjournalismus werden sich 2015 weiter ausweiten. Redaktionen werden eingespart und in Konzernen vernetzt ebenso wie ersetzt werden. Am 30. September 2013 starb die bis dahin älteste Hamburger Zeitung, die Harburger  Nachrichten und Anzeigen, nach fast 170 Jahren. Am 7. Juli 2014 verschied nach der Erstausgabe von 1865 die kleinste Zeitung Österreichs, die Salzburger Volkszeitung, nachdem sie im März 2005 von der ÖVP als Eigentümer an eine private Firmengruppe verkauft worden war. Das Leitmedium des 19. und 20. Jahrhunderts neigt sich dem Ende zu. Roboter, Rechtschreibprogramme, Blogs und Apps übernehmen in digitalen Zeiten, was noch gerade Redakteure, Journalisten, Kolumnisten, Korrektoren und Lektoren für die Zeitung besorgten.  

Über das Zeitungssterben ist viel geschrieben worden. Doch was ist oder war eine Zeitung? In der „Nachtragsliste“ zu Walter Benjamins Buch und Aphorismen-Sammlung EINBAHNSTRASSE (1928) findet sich ein Text, der am 30. 3. 1934 in Der öffentliche Dienst, der „Zeitung des schweizerischen Verbandes des Personals öffentlicher Dienste“ in Zürich, mit dem Titel Die Zeitung erschien. Wie dieser Text aus Berlin, Nizza oder schon aus dem Pariser Exil Walter Benjamins in die Zeitung Der öffentliche Dienst gelangte, ist nicht überliefert. Einerseits ist diese wohl kaum eine jener renommierten und populären Zeitungen wie die Vossische Zeitung, „Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen seit 1704“, gewesen, in der noch am 24. Dezember 1932 mit einem „Unterhaltungsblatt“ Walter Benjamins Ein Weihnachtsengel abgedruckt worden war. Andererseits eröffnet gerade der aphoristische Text Die Zeitung mit den Formulierungen von „Schrifttum“, „Ungeduld“ und „Literarisierung der Lebensverhältnisse“ eine starke Korrespondenz mit dem Eröffnungstext der EINBAHNSTRASSE unter dem Titel TANKSTELLE.      

Die Zeitung ist seit 2009 mit der Kritischen Gesamtausgabe von Werke und Nachlaß Walter Benjamins im Band 8 allererst wieder in den Kontext der EINBAHNSTRASSE gerückt worden.[1] Die Kontextualisierung der Zeitung mit anderen Texten aus EINBAHNSTRASSE lässt sich somit erst seit dieser Veröffentlichung vornehmen. Zwischen Zitaten von Baudelaire, Proust und Mallarme entfaltet Walter Benjamin mit EINBAHNSTRASSE eine Konstellation von Texten, die im „Schrifttum“ auch den Roman als Erzählmodus durch in und aus Zeitungen verstreuten Aphorismen ablösen. Bot der Roman noch ein narrativ verkettetes Weltbild wird die EINBAHNSTRASSE, das entsprechende Verkehrsschild zitierend auf dem Cover von Sascha Stone, nun qua Widmung zu „DIESE STRASSE HEISST ASJA-LACIS-STRASSE NACH DER DIE SIE ALS INGENIEUR IM AUTOR DURCHGEBROCHEN HAT“ oder einer Einbahnstraße von „Ingenieur“ und „Autor“ mit „jäher Tiefe“.[2]

 

Mit der Widmung der EINBAHNSTRASSE kommt es zu einer quasi programmatischen poetisch-literarischen Überschneidung von Autor und Auto. Die syntagmatische Verdichtung von „im Autor durchgebrochen hat“ erlaubt im Lesen ebenso mit der Semantik von Straße, Auto, Durchbruch und Stadt eine Überschneidung von Autofahren in der Stadt und Lesen/Schreiben eines Textes. Dabei gerät der Autor als Subjekt insofern ins Schwanken, als die Straßennamensgeberin Asja Lacis „als Ingenieur“ die Straße oder freudsche Bahnung „im Autor durchgebrochen hat“. Insofern der „Autor“ vom „Ingenieur“ bereits durchbrochen wird bzw. durchgebrochen worden ist, lässt sich dieser auch als Hybrid formulieren.[3] Autor und Ingenieur werden gleichursprünglich für das Buch mit dem merkwürdigen Verkehrsschild. Die Hybridität des Autors wird nicht nur durch den weiblichen Namen des Ingenieurs bzw. der Ingenieurin auf geschlechtlicher Ebene formuliert, vielmehr wird die Hybridität des Autors gleichfalls an der TANKSTELLE formuliert. 

… Die bedeutende literarische Wirksamkeit kann nur in strengem Wechsel von Tun und Schreiben zustande kommen; sie muss die unscheinbaren Formen, die ihrem Einfluß in tätigen Gemeinschaften besser entsprechen als die anspruchsvolle universale Geste  des Buches in Flugblättern, Broschüren, Zeitschriftenartikeln und Plakaten ausbilden.       

Da der Text unter dem Titel Die Zeitung zwar hier und da, doch nicht ganz einfach zugänglich ist, wird er vom Berichterstatter jetzt einmal abgeschrieben. Zumal Benjamin das Abschreiben von Texten mit CHINAWAREN (S. 16/17) thematisiert oder sogar als „Kraft der Landstraße“ lobt.  

Die Zeitung. 

In unserem Schrifttum sind Gegensätze, die sich in glücklicheren Epochen wechselseitig befruchteten, zu unlösbaren Antinomien geworden. So fallen Wissenschaft und Belletristik, Kritik und Produktion, Bildung und Politik beziehungslos und ungeordnet auseinander. Schauplatz dieser literarischen Verwirrung ist die Zeitung. Ihr Inhalt „Stoff“, der jeder anderen Organisationsform sich versagt als der, die ihm die Ungeduld des Lesers aufzwingt. Denn Ungeduld ist eine Ve[r]fassung des Zeitungslesers. Und diese Ungeduld ist nicht allein die des Politikers, der eine Information, od[e]r des Spekulanten, der einen Tip erwartet, sondern dahinter schwelt diejenige des Ausgeschlossenen, der ein Recht zu haben glaubt, selber mit seinem eigenen Interessen zu Wort zu kommen. Dass nichts den Leser so an seine Zeitung bindet wie diese zehrende, tagtägliche neue Nahrung verlangende Ungeduld, haben die Redaktionen sich längst zunutze gemacht, indem sie immer wieder neue Sparten seinen Fragen, Meinungen und Protesten eröffneten. Mit der wahllosen Assimilation von Fakten geht also Hand in Hand die gleich wahllose Assimilation von Lesern, die sich im Nu zu Mitarbeitern erhoben sehen. Darin aber verbirgt sich ein dialektisches Moment: der Untergang des Schrifttums in dieser Presse, erweist sich als Formel seiner Wiederherstellung in einer veränderten. Indem nämlich das Schrifttum an Breite gewinnt was es an Tiefe verliert, beginnt die Unterscheidung zwischen Autor und Publikum, die die Presse auf konventionelle Art aufrecht erhält (auf routinierte aber bereits lockert) <,> auf die gesellschaftlich erstrebenswerte zu verschwinden. Der Lesende wird jederzeit bereit, ein Schreibender, nämlich ein Beschreibender oder auch ein Vorschreibender zu werden. Als Sachverständiger ─ und sei es auch nicht für ein Fach, vielmehr nur für den Posten, den er versieht ─ gewinnt er einen Zugang zur Autorschaft. Die Arbeit selbst kommt zu Worte. Und ihre Darstellung im Wort macht einen Teil des Könnens, der zu ihrer Ausübung erfordert wird. Die literarische Befugnis wird nicht mehr in der spezialisierten sondern in der polytechnischen Ausbildung begründet und so Gemeingut. Sie ist mit einem Wort, die Literarisierung der Lebensverhältnisse, welche der sonst unlösbaren Antinomien Herr wird, und es ist der Schauplatz der hemmungslosen Erniedrigung des Worts ─ die Zeitung also ─ auf welchem seine Rettung sich vorbereite[t.]   

Die Zeitung ist ein anspielungsreicher und hoch vernetzter Text über das Schreiben, das Lesen, Literatur und „Literarisierung der Lebensverhältnisse“, das „Schrifttum“ und die Zeitung. Im Internet auf einem Blog in Zeiten von Open Source, kulturellem Erbe und der Konferenz Zugang gestalten, aber auch von Wikipedia und Wikimedia-Salon ABC des Freien Wissens gelesen, reiben sich Leserinnen die Augen über einem Text von ca. 1934, als die Zeitung institutionell in voller Blüte stand. Walter Benjamin formuliert den „Untergang des Schrifttums“ in der Presse und die „hemmungslose() Erniedrigung des Worts“ in der Zeitung als Schauplatz seiner gleichzeitigen Rettung. Ein Menetekel? Eine Vorhersage, die sich unter leicht verschobenen Bedingungen heute zwischen Zeitung als Druckerzeugnis und Online-Medien, insbesondere Blog, ereignet? Und welche Haltung nimmt Walter Benjamin zur Zeitung überhaupt ein, wenn er sich den Text in EINBAHNSTRASSE kontextualisiert wünscht?  

Schöttker und Haug gehen von einem Zeitraum von 10 Jahren der Arbeit an dem Einbahnstraßen-Buch aus. Pendelt der Titel anfangs noch zwischen „Gedanken zu einer Analysis des Zustandes von Mitteleuropa“ 1923 als Manuskript und einem ersten Druck von „Beschreibende Analysis des deutschen Verfalls“, der statt in einer „Moskauer Zeitschrift“ erst im Februar 1927 in der Amsterdamer Zeitschrift „i 10“ auf Holländisch zustande kommt und „Plakette für Freunde“, so formulieren die geradezu emphatische Widmung an Asja Lacis für EINBAHNSTRASSE und der Eröffnungstext TANKSTELLE entschiedene Umbrüche vor allem im Autor-Text-Verhältnis.[4] Und die Zeitungs-Formulierung zum Verlust der Tiefe ─  „Indem nämlich das Schrifttum an Breite gewinnt was es an Tiefe verliert, beginnt die Unterscheidung zwischen Autor und Publikum, (…) <,> auf die gesellschaftlich erstrebenswerte zu verschwinden“ ─ verweist nicht nur auf einen kulturellen Verlust, sondern mit dem Brief an Scholem auf eine (perspektivische) Tiefe der Einbahnstraße und des Buches. Benjamin als Autor dockt im Schreiben vielmehr an das Verfahren Zeitung an, als dass er die Herrschaft des Schrifttums betrauert oder kulturpessimistisch oder konservativ kritisiert.

 

Der Begriff des Schrifttums, der mit dem Possessivpronomen oder besitzanzeigenden Fürwort unser in der Eingangsformulierung zu „glücklicheren Epochen“ abgegrenzt wird, wirft die Frage auf, welche „wechselseitig befruchtende“ Kraft denn das Schrifttum der nicht genauer datierten Epochen gehabt haben sollte. Bereits im Deutschen Wörterbuch wird das Schrifttum nach dem Umbruch zwischen Schrift und Druck säkularisiert: „schriftthum, n. in bezug auf die zeit vor dem buchdruck das gesammte schreibewesen nach seiner technischen, paläographischen, litterarischen seite. dann im engeren sinne (auch für die folgende zeit) die litteratur im allgemeinsten sinne.“ Doch die „Schrifttheologie“, die ihr lexikalisch-alphabetisch vorausgeht, gibt einen Wink auf das Schrifttum als nicht zuletzt theologisches Wissen: „schrifttheologie, f. die exegetische theologie Adelung.“ Zwar lässt sich dann im Digitalisat der Bayrischen Staatsbibliothek von Adelungs Grammatisch-kritische(m) Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart keine Schrifttheologie, aber Der Schriftspötter finden: „des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Schriftspötterinn, eine Person, welche mit der Schrift, d. i. dem geschriebenen göttlichen Worte, ihr Gespött treibet.“ Die (heilige) Schrift als „geschriebene() göttliche() Worte“ stellt um 1800 den Bezug zur Schrift und dem Schrifttum erinnernd wieder her. Im nicht zuletzt drucktechnischen Umbruch zur Moderne ereignet sich auch ein Bruch mit dem Schrifttum in seiner theologischen Ausrichtung und der wechselseitigen Befruchtung in „glücklicheren Epochen“. 

Der von Walter Benjamin bezüglich der Zeitung gebrauchte Begriff des Schrifttums ist nicht zuletzt hinsichtlich der Hybridität bedenkenswert. Denn das Schrifttum als „unser(es)“ wird als ein antinomisches „von Wissenschaft und Belletristik, Kritik und Produktion, Bildung und Politik“ formuliert. Benjamin selbst generiert allerdings insbesondere mit der Widmung der EINBAHNSTRASSE ein hybrides und insofern nicht antinomisches Schreibverfahren unter Aufgabe einer gesicherten Autorposition oder auch unter Verlust der Autorschaft. Walter Benjamin und Asja Lacis schreiben wissenschaftlich und belletristisch, sie kritisieren und produzieren, sie bilden und politisieren. Und der Leser beansprucht im Medium Zeitung Autorschaft. Der marxistische Philosoph und Schriftsteller Christian Ruby hat kürzlich bei seiner Besprechung von Jean-Marc Lachaud, Philosoph und Kunsttheoretiker der zeitgenössischen französischen Kunst, Buch zu Walter Benjamin auf Slate.fr formuliert, dass das hybride Denken (la pensée hybride) Walter Benjamins in einem Ensemble von Positionen (un ensemble de positions) stattfinde: „la position théologique, la position esthético-surréaliste et la position communiste“.  

Mit der Widmung der EINBAHNSTRASSE lässt sich sagen, dass sich zumindest für dieses Buch eine Position des Autors selbst dann nicht, wenn sie als hybrid formuliert wird, bestimmen ließe. An dem Begriff des Schrifttums, wie er mit dem Text Die Zeitung als Nachtrag und nachträglich hinzugefügt werden sollte, lässt sich entfalten, dass sehr wohl im Schrifttum Theologie, Wissenschaft ebenso wie Surrealismus und Formalismus anklingen, ins Spiel gebracht werden und sich dennoch nicht mehr als einzelne Positionen eines Autorsubjekts herauskristallisieren lassen. Vielmehr wird mittels des vieldeutigen und hybriden Begriffs des Schrifttums eine „Literarisierung der Lebensverhältnisse“ als Auflösung der „sonst unlösbaren Antinomien“ bedacht. Die „hemmungslose() Erniedrigung des Worts“ geschieht, insofern es nicht mehr als (theologische) Sinneinheit oder Wissensgegenstand eines antinomischen Schrifttums gebraucht wird, sondern indem einzig und allein, wie es mit dem Wechsel vom Schrifttum zur Literatur oder der Transformation des Schrifttums in Literatur angeschrieben wird, in praxi oder praxeologisch Sinn schwankend generiert wird.

An dem Schrifttum und der Zeitung entscheidet sich auch die Sinnfrage, insofern Tilman Rexroth 1972 als Herausgeber des vierten Bandes der Gesammelten Schriften entschieden hatte, die Texte der Einbahnstraße nicht „in der Reihenfolge der Nachtragsliste“ abzudrucken, „weil diese keinen sinnvollen Zusammenhang erkennen“ ließen.[5] Nun wird es den Rahmen der Besprechung im Medium Blog sprengen, wollte der Berichterstatter die vielfältigen Verknüpfungsmöglichkeiten innerhalb der EINBAHNSTRASSE hinsichtlich ihrer Generierung von Sinn analysieren. Die Fragmentarität des Blogs bleibt hinsichtlich der Pluralität von Sinn unvermeidlich. Doch so viel lässt sich schreiben: Zwar kommen die „Schrift“ (z.B. 30), die „Bilderschrift“ (31) und „Schriftkundige“ (31), „Kalligraphie“ (34), „Schriftzüge“ (64), im Nachtrag: „Schriftstellern“ (90) und Schriftsteller (92) teilweise auch wiederholt vor, doch das „Schrifttum“ kommt in der Druckfassung von 1928 und den darauffolgenden Nachträgen nur mit der Zeitung vor. Mit anderen Worten: die Frage nach dem Schrifttum in seiner Vieldeutigkeit von Theologie, Handschrift, Wissenschaft und Literatur wird von Benjamin aufs Engste mit der Zeitung und ihren Praktiken verknüpft.  

  

Die „Ungeduld“ als „Verfassung des Zeitungslesers“ gehört vielleicht zu den merkwürdigsten Formulierungen. Die Ungeduld wird mit dem Zeitunglesen als Lesehaltung formuliert, bezieht sich auf Fakten und generiert „immer wieder neue Sparten“ in der Zeitung. Darüber hinaus hat die Ungeduld mit einer versagenden Organisation des „Stoffes“ oder auch den Fakten, die die Zeitung produziert, zu tun. Insofern die Ungeduld vor allem die Unordnung nicht erdulden will, schafft die Produktion „immer wieder neue Sparten“, die Ordnung „immer wieder neu“ erstellen. Es ließe sich formulieren, dass die Ungeduld im Wunsch nach Ordnung durch die „Organisationsform“ der Zeitung paradoxerweise eine prozessuale Zerstreuung bewirkt und die Ungeduld niemals an ein Ende kommen lässt. Anders als ein abgeschlossenes Buch verlangt nach Benjamin die Zeitung durch ihre Leser unablässig nach der neuesten Zeitung, ohne jemals an ein Ende zu kommen.      

 

Die Zeitung korrespondiert hinsichtlich der „literarische(n) Aktivität“ mit der TANKSTELLE und der „Konstruktion des Lebens“. Die Praxeologie der Zeitung, wie sie mit den Lesern/Autoren durchaus widersprüchlich formuliert wird, findet ihren Niederschlag in der Literarizität der EINBAHNSTRASSE. Denn die „Assimilation der Fakten“ in Die Zeitung schreibt auch eine Kritik der Fakten im Eröffnungstext wieder und um. Was eingangs an „der Gewalt von Fakten“ kritisiert worden war ─ „Unter diesen Umständen kann wahre literarische Aktivität nicht beanspruchen, in literarischem Rahmen sich abzuspielen ─ vielmehr ist das der übliche Ausdruck ihrer Unfruchtbarkeit.“ ─, wird dialektisch „der Untergang des Schrifttums in dieser Presse“, der „sich als die Formel seiner Wiederherstellung in einer veränderten (erweist)“, umgeschrieben. Anders gesagt: die problematische „Gewalt der Fakten“ wird mit Die Zeitung in der Literarisierung aufgelöst.

Der Konstellation der TANKSTELLE mit Die Zeitung, die sozusagen nachträglich an die Tankstelle kommt, die ca. 1934 noch keine große Verbreitung als Verkaufsort von Zeitungen gehabt haben dürfte, wie es heute der Fall ist, entspringt eine „Literarisierung der Lebensverhältnisse“ als Auflösung der Antinomien im Schrifttum in einem Begriff von Literatur, in dem sich Wissenschaft und Journalismus und Belletristik und Kritik und Produktion und Bildung und Politik befruchten. Doch diese Weise der Fruchtbarkeit unterscheidet sich auch von den „glücklicheren Epochen“ und einem geschlechtlich maskulin adressierten Überzeugen in der Formulierung „Überzeugen ist unfruchtbar“ unter dem Titel FÜR MÄNNER (13). Die Hybridität der EINBAHNSTRASSE, in der wiederholt auch das Träumen fruchtbar praktiziert wird, generiert sich mit der Zeitung antiinstitutionell und queer. Vielleicht träumte Walter Benjamin von einer Zeitung, die sich auf das Internet-Medium Blog hin öffnen sollte. ─ Wissen konnte er davon nichts. 

 

Torsten Flüh  

 

PS: Dieser Text hätte sich nicht oder nur anders schreiben lassen, hätte es die Lektüre und das Seminargespräch im Praxisseminar „Blog-Wissenschaft“ am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin am 5. Januar 2015 nicht gegeben und hätten die Seminarteilnehmerinnen als (zukünftige) Leserinnen nicht Anteil an der Autorschaft.

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[1] Benjamin, Walter: Einbahnstraße. (Herausgegeben von Detlev Schöttker unter Mitarbeit von Steffen Haug) In: ders.: Werke und Nachlaß. Kritische Ausgabe. Band 8. Frankfurt am Main 2009.

[2] Vgl. den Brief an Scholem und die Formulierung der Tiefe mit: „Es ist eine merkwürdige Organisation oder Konstruktion aus meinen ,Aphorismen‘ geworden, eine Straße, die einen Prospekt von so jäher Tiefe ─ das Wort nicht metaphorisch zu verstehen! ─ erschließen soll, wie etwa in Vicenza das berühmte Bühnenbild Palladios: Die Straße.“ Ebenda S. 261

[3] Vgl. zur Frage der Hybridität nicht nur in literarischer oder literaturwissenschaftlicher, sondern philosophischer Hinsicht bei Walter Benjamin auch die aktuelle Besprechung des Bandes Walter Benjamin von Jean Marc Lachaud (6. November 2014) durch Christian Ruby, Comprendre la pensée hybride de Walter Benjamin en cinq articles, vom 2. Dezember 2014 auf www.slate.fr

[4] Vgl. Entstehungs- und Publikationsgeschichte In: ebenda S. 259 bis 260

[5] ebenda S. 266