Zu Magnus Hirschfelds Bilderatlas - Aus Anlass der Spendengala Marlene für Magnus und die ersten Hirschfeld-Tage

Bilderatlas – Sexualität – Wissenschaft

 

Zu Magnus Hirschfelds Bilderatlas

Aus Anlass der Spendengala Marlene für Magnus – DenkMal für Hirschfeld und die ersten Hirschfeld-Tage

 

Bereits seit dem 7. Mai finden zum ersten Mal in der Geschichte die Hirschfeld-Tage unter dem Motto L(i)ebe die Vielfalt der kürzlich gegründeten Bundesstiftung Magnus Hirschfeld statt. Eröffnet wurden die Hirschfeld-Tage mit einer Spendengala im Wintergarten Varieté unter Beteiligung von Klaus Wowereit, Lala Süsskind, Lilo Wanders, Ella Endlich, Eleonore Weisgerber, Katja Ebstein, Gitte Haenning, Katherine Mehrling und – last but not least – Judy Winter.

Klaus Wowereit als Erster Bürgermeister von Berlin und Lala Süsskind als Vertreterin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sangen nicht, sondern gratulierten dem LSVD und ehrten Magnus Hirschfeld (1868-1935) in Reden und mit einem Spendenaufruf für Ein Denkmal für die erste Homosexuelle Emanzipationsbewegung, das im Spreebogen auf dem Magnus-Hirschfeld-Ufer gegenüber vom Haus der Kulturen der Welt errichtet werden soll. Die Damen aus dem Showgeschäft sangen in jeweils ebenso eigenen wie eigenwilligen Interpretation Lieder von Marlene Dietrich.

Der Glamourfaktor bei der Veranstaltung war hoch. Glamour hat natürlich etwas mit Bildern und der Wiederkehr von Bildern ebenso wie mit dem Glitzern der Pailletten am Kleid von Lilo Wanders oder auf der Bluse von Ella Endlich zu tun. Und Glamour ist auch immer ein wenig name-dropping, Scheinwerferlicht der Fernsehkameras und Blitzlichtgewitter der Fotografen. Wo geblitzt wird, dahin wendet sich die Aufmerksamkeit. Im Foyer des Wintergarten Varieté wurde viel geblitzt. Denn gleichzeitig gab es den 20. Geburtstag des LSVD Berlin-Brandenburg zu feiern. - Beneidenswertes Alter.

Die glamourösen Damen des Showgeschäfts traten zur Spendengala ohne Gage auf, was als Hinweis darauf gelten mag, dass ihnen der Einsatz für den LSVD (Lesben- und Schwulenverband Deutschland) und das Denkmal eine Herzensangelegenheit, also Entgelt genug ist. Die Geschichte des Verbandes reicht natürlich viel weiter zurück als die süßen 20 Jahre. Sie beginnt nämlich mit Magnus Hirschfeld und der Gründung des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) in der damaligen Berliner Straße 104 (heute: Otto-Suhr-Allee) in Charlottenburg am 15. Mai 1897.

Die Gründungsversammlung der „ersten homosexuellen Emanzipationsbewegung“ fand in der Privatwohnung von Magnus Hirschfeld statt. Sie könnte eine Folge der Geburtstagsfeier für Magnus Hirschfeld am 14. Mai gewesen sein. Am 14. Mai 1935 verstarb er im Exil in Nizza. Denn die Nazis hatten sein Sexualwissenschaftliches Institut nahe dem Standort des Hauses der Kulturen der Welt 1933 als jüdische und sexualreformerische Einrichtung mit als erstes, wissenschaftliches Institut zerstört und seine Bücher auf dem Operplatz, dem heutigen Bebelplatz, samt Büste verbrannt.

Wer nicht bei der Spendengala war, wird sich erzählen lassen müssen, dass er/sie eine große Show versäumt hat. Aber es gibt ja noch die Fotos, in die man sich lesend hineinträumen kann. Eleonore Weisgerber eröffnete den Abend mit Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre; Johnny, wenn du Geburtstag hast und Wenn ich mir was wünschen dürfte. Katja Ebstein brachte eine eigene Fassung von Lili Marleen aus der Sicht der wartenden Frau zur Aufführung. Live-Momente.

Die fast alle überragende Lilo Wanders führte charmant und gut gelaunt durch das Programm und stellte mit ihrer Lektüre der Biographie von Marlene Dietrich die Verknüpfung mit Magnus Hirschfeld her. Denn Marlene Dietrich, an deren 20. Todestag gleichfalls erinnert werden sollte, war eine große Darstellerin des weiblichen Geschlechts und des Performativen von Sex in seiner Doppeldeutigkeit von Geschlechtlichkeit und Geschlecht. In ihren Hosenrollen versprach sie stets mehr als nur ein Interesse an Männern, beispielsweise in Marokko (1930), wo sie in Frack und Zylinder offen mit den weiblichen Gästen flirtet.

Was Marlene Dietrich (1901-1992) zu einer Schwulenikone machte und vielleicht noch immer macht, hat viel mit dem Ensemble einer geschlechtlichen Uneindeutigkeit zu tun. Vielleicht war es gerade diese Uneindeutigkeit zwischen Hosenanzug und Federboa oder Glitzerzylinder und Strumpfband, die Marlene Dietrich davor bewahrte, in Magnus Hirschfelds Sexualwissenschaftlichen Bilderatlas zur Geschlechtskunde (1930) wie die französische Malerin Rosa Bonheur (1822-1899) als „Beispiel für männliche Mimik und Gestik bei einer Frau“ einzugehen. Allerdings kam Der blaue Engel auch erst 1930 auf die Leinwand. 

Doch Marlene Dietrich hat nicht nur als Schwulenikone in den Queer Studies wissenschaftliches Interesse gefunden, sondern als Bild und Performerin von Frau in der „Feministischen Filmtheorie“ wie bei Sabine Nessel in ihrem Aufsatz Geschlecht und Ereignis von 2005 Aufmerksamkeit erlangt. Nessel knüpft nicht nur an eine feministische Lektüre von Der blaue Engel, sondern deutlicher noch an Blonde Venus (1932) an.

In Blonde Venus tritt Marlene Dietrich als Nachtclub-Sängerin Helen Faraday  im Menschenaffenkostüm zur Nummer Hot Voodoo auf. Sie streift das Kostüm des Menschenaffen bzw. Gorilla ab, um als Inbild von Frau im knappen Paillettenkostüm mit blonder Perrücke auf der Bühne zu stehen. - Did you ever happen to hear of voodoo? Hear it and you won't give a damn what you do ... - Diese Szene einer in mehrfacher Hinsicht Verwandlung des Geschlechts eines männlichen und tierischen Gorillas in eine attraktive Menschenfrau als Performance hat gerade in den Gender Studies Aufmerksamkeit erfahren. Doch es ist nicht nur die Verwandlung des Geschlechts Mann in Frau, die von einer Frau gespielt wird, sondern auch Charles Darwins Evolutionstheorie, die hier als Show vorgeführt wird.   

Die Frage nach der sexuellen Identität von Marlene Dietrich, wie sie Lilo Wanders unterhaltend zur Sprache brachte, lässt sich keinesfalls gesichert beantworten. Kunstvoll hat es Marlene Dietrich allerdings nicht versäumt, in ihrer Biographie zu erwähnen, dass sie im Berlin der Zwanziger Jahren auch einmal in eine Damenbar geraten sei. Und bereits in Blonde Venus führt Marlene Dietrich die unterschiedlichsten Rollen von Frau als Vamp, Nachtclubsängerin, liebevolle Mutter und Ehefrau vor. Die Performance von Frau wird hier mit anderen Worten schon als Prozess vorgeführt, der die Beantwortung der Identitätsfrage unterläuft.

Es sind nicht nur die wechselnden Filmrollen, mit denen sich Marlene Dietrich der Identitätsfrage verweigert hat. Als Interpretin so unterschiedlicher Songs und Lieder wie Hot Voodoo, Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt und dem amerikanischen Folksong Paff, the Magic Dragon, den Ella Endlich auf Deutsch bei der Gala sang, hat sie auch musikalisch eine Festlegung unterlaufen. Ganz zu schweigen von ihren Formulierungen in dem Film Marlene von Maximilian Schell 1984. Man hat teilweise den Eindruck, dass sie im Seminar von Jacques Lacan gesessen hat.

Marlene Dietrichs Verweigerung einen Dokumentarfilm über sich drehen zu lassen, kann man nicht zuletzt in den Kontext der Identitätsfrage rücken. Denn ein Dokumentarfilm beansprucht immer auch eine Wahrheit und Identität des Bildes vom Star mit ihm selbst. Da im Englischen der Dokumentarfilm als Non-Fiction im Unterschied zum Fiction-Film definiert wird, berührt die Verweigerung der Non-Fiction eben auch jenen Bereich der Erzählung und des Bildes. Dietrich verbietet ausdrücklich in Marlene Aufnahmen von sich. Sie verbietet das Bild - nicht allein aus Eitelkeit.

Gerade in der Konstellation von Bild, Bilderatlas, Geschlecht, Fiktion und Wissenschaft sowie dem Star als Star konnte die Show als Spendengala einige Hinweise bieten. Der Star wird auf ein Bild verpflichtet. Katja Ebstein ohne lange rote Haare wäre nicht Katja Ebstein. Judy Winter, die schon Marlene Dietrich auf der Bühne sensationell im Schwanenfedermantel dargestellt hat, muss Judy Winter bleiben. Ella Endlich und Katherine Mehrling müssen bestimmten Bildern entsprechen. Bei der höchst erfolgreichen Katherine Mehrling schimmert immer Edith Piaf durch. Allein Gitte Haenning hat ein Spiel mit Identitäten zu ihrem Starkonzept gemacht.

Anstatt den wunderbaren Auftritt von Gitte Haenning bei der Gala zu würdigen, macht die Presse geradezu symptomatisch das vermeintlich Nicht-Fiktionale zum Titel: Gitte Haennings 1. Auftritt nach dem Tod ihrer Schwester. Dabei ist Gitte Haenning eine grandiose Performerin und wundervolle Erzählerin. Während ihres Auftrittes erzählte sie, wie sie als junges Mädchen Marlene Dietrich getroffen habe und sich auf ihr Knie für ein Foto setzen sollte. Sie habe dann immer gedacht, dass diese Begebenheit nur ein Traum gewesen sei, weil sie das Foto nie zu sehen bekam. Aber dann sei dieses Foto doch vor ein paar Jahren aufgetaucht. – Eine wunderbare Geschichte, von der man natürlich nicht weiß, ob sie wahr oder falsch ist, weil dieses Foto bisher nicht in der Öffentlichkeit zu sehen ist.

Die Frage nach dem Bild spielte also in mehrfacher Hinsicht bei Marlene für Magnus eine große Rolle. Deshalb ist es besonders interessant, dass Magnus Hirschfeld 1930 „auf Grund 30jähriger Forschung und Erfahrung“ einen Sexualwissenschaftliche(n) Bilderatlas zur Geschlechtskunde „bearbeitet“ und veröffentlicht hat. Der Bilderatlas kompiliert auf 900 Seiten sozusagen ein wissenschaftliches Ergebnis, das durch sammeln, forschen, ordnen, kommentieren einen geradezu geschichtlichen Bogen von „I. Das Menschenpaar“ bis „XXXII. Sexualreform auf sexualwissenschaftlicher Grundlage“ schlägt.

Magnus Hirschfeld knüpft mit seinem Bilderatlas an einen medialen Umbruch an, den er einführend selbst thematisiert:

Es ist eine alltägliche Beobachtung, daß die meisten Menschen, welche eins der gegenwärtig so überaus zahlreichen illustrierten Bücher zur Hand nehmen, ihre Aufmerksamkeit zunächst den Bildern zuwenden. Ob die Werke … wissenschaftlich oder unwissenschaftlich sind, ob die Leser hochgebildet sind oder weniger gebildeten Kreisen angehören, ob sie Frauen oder Männer, jünger oder älter sind, macht kaum einen Unterschied. Das Bild hat den Text in den Hintergrund gedrängt, vielfach sogar vernichtet; denn es gibt viele Leser, die sich völlig mit dem Anschauen der Bilder und den Unterschriften begnügen und glauben, sich damit das Lesen des ausführlichen Textes selbst ersparen zu können. (S. 2) 

Hirschfeld hält den „ausführlichen Text“ nicht für verzichtbar. Doch stellt er seinen Bilderatlas selbst unter das „Motto: Bilder sollen bilden.“ Was und wie?

Der Text „Einige Vorbemerkungen“ ist der einzige längere im Bilderatlas. Die „Bilder und d(ie) Unterschriften“ sind neben der lockeren geschichtlichen Ordnung einer mythischen Vorzeit des ersten Menschenpaares, Adam und Eva, und dem Heute einer Sexualreform durch die „Gründung der Weltliga für Sexualreform auf sexualwissenschaftlicher Grundlage auf dem zweiten gleichnamigen Kongreß in Kopenhagen (3. Juli 1928)“ sozusagen die Grundstruktur des Bilderatlasses. Bilder, Unterschriften und Struktur bringen mit anderen Worten die Sexualwissenschaft als Wissenschaft über das Geschlecht und seine Praktiken hervor.

Abgesehen vom narrativen Bogen des Bilderatlasses im Medium Buch sind die übrigen 30 „Abschnitte“ außerordentlich heterogen. Bereits im ersten Abschnitt wird nicht nur „das Menschenpaar“ „veranschaulicht …, denen sich einige andere Darstellungen des Menschenpaares durch bildende Künstler von den ältesten bis zu den neuesten Zeiten anschließen“. (S. 3) Vielmehr sind Adam und Eva „Vorläufer und Vorkämpfer der Sexualwissenschaft“ vorgeschaltet. Als solche werden „Charles Darwin und Francis Galton“ sowie „August Forel und Iwan Bloch“ mit Abbildungen gewürdigt, „weil ihr Gesicht und ihre Gestalt als Ausdrucksformen ihrer Persönlichkeit und Geistesarbeit zu uns sprechen“. (ebenda)

Beobachten lässt sich damit im ersten Abschnitt ein wissenschaftlich-narrativer Wechsel. Den Platz Gottes als Schöpfer des ersten Menschenpaares haben Darwin, Galton, Forel und Bloch eingenommen. Sie sind die Götter der Natur- und Sexualwissenschaft. Eine wichtige Funktion nimmt dabei Francis Galton als Cousin Charles Darwins ein, weil er die Fotografie zu einem wichtigen Medium für seine Wissenschaft vom Menschen, vom Leben und vom Tod macht, wie Katrin Solhdju in ihrem Aufsatz Ghostly Spirits: Three Cases of Experimentation on Life and Death in Late-19th-Century Science zeigt. Dass die „Geistesarbeit zu uns (spricht)“, wie es Magnus Hirschfeld formuliert, gehört nicht zuletzt zu den medialen Inventionen Francis Galtons. Denn der „spirit“ als Seele wird auch mit dem „ghost“ als Geist in seiner Mehrdeutigkeit von Intelligenz und Gespenst abgelöst. Nicht zuletzt wird in den sprechenden Bildern an einen sowohl abwesenden wie das Bild konstituierenden Text erinnert.

August Forel (1848-1931) kann einerseits als einer der Väter der heute so populären Neurowissenschaft gelten, andererseits trat er wie Galton als Eugeniker, also Rassenforscher hervor. Doch seine Publikation Die sexuelle Frage (1904) trennte die Sexualität von der Reproduktion, was für die wissenschaftliche Argumentation der Sexualreformer und einer Entkriminalisierung von Homosexualität äußerst wichtig war. Die naturwissenschaftliche Erforschung und Formalisierung der Prozesse des Denkens wird zur Voraussetzung für die Emanzipation von einem reproduktiven Menschenbild.

Die Katholische Kirche bzw. der Papst hält, anders als die Evangelische Kirche in Deutschland, an der Einheit von Sexualität und Reproduktion fest. Deshalb muss der Papst am Zölibat wie der kirchenrechtlichen Kriminalisierung von Homosexualität festhalten. Die Frage nach der Einheit oder Trennung von Sexualität und Reproduktion ist eine entscheidende und nicht zu unterschätzende. Denn Barack Obama verschickte am 10. Mai 2012 eine E-Mail an seine Unterstützer mit dem Betreff „Marriage“. Er betont darin vor allem, dass seine Töchter, Freunde von gleichgeschlechtlichen Eltern haben:

… Sasha and Malia, who have friends whose parents are same-sex couples, …

Das religiöse Argument der Einheit von Sexualität und Reproduktion wird also gerade dadurch aushebelt. „Same-sex couples“ reproduzieren, aber anders.

Es könnte sein, dass der von W. T. J. Mitchell ausgerufene „iconic turn“ bereits wieder eine andere Wendung nimmt. Magnus Hirschfeld glaubt nicht nur an die Macht der Bilder. Vielmehr werden sie von ihm geordnet und sequenziert. Erst durch diese Verfahren werden die Bilder, die Fotos, die „zu uns sprechen“ sollen, zu einer Wissenschaft. Einerseits ist Hirschfeld damit tief in das Sichtbarkeitsparadigma des 19. Jahrhunderts (Michel Foucault) verstrickt. Andererseits wird er zum Vorkämpfer des Sichtbarwerdens. Denn er zitiert nicht zuletzt zwei Filme, an denen er mitgearbeitet hatte, in seinem Bilderatlas.

Auf den Seiten 644 und 645 im „Abschnitt XXVI. Der metatropische und homosexuelle Mensch“ lässt er drei Stills aus dem ersten Film zur Homosexualität von Richard Oswald, Anders als die Andern aus dem Jahr 1919 mit den „Unterschriften“ „Typische Erpresserszene aus dem Film „Anders als die Andern“ (Reinhold Schünzel und Conrad Veidt)“, „Gemeinsam mit dem Verbrecher auf der Anklagebank“ und „Am Rande der Kraft“ „Vor dem Selbstmord“ abdrucken. Sichtbar wird durch die Unterschrift weniger die „Persönlichkeit“ der Homosexualität als vielmehr eine soziologische Dramatik, die der „homosexuelle Mensch“ erlebt.

 

Hirschfeld setzt in der Konstellation der Stills aus Anders als die Andern auf ein Sichtbarwerden des Politischen. Die konstellative Erzählung von Erpressung, strafrechtliche Anklage und Selbstmord setzt ein Bild der Ungerechtigkeit in Szene. Während das erste, ganzseitige Bild als „Typische Erpresserszene“ durchaus eine Ambivalenz von Umarmung und Bedrohung in Szene setzt, wird die Ungerechtigkeit in einer Gleichheit vor dem Gesetz quasi metaphorisch zum Bild. Denn gleichzeitig werden der Erpresser und der Homosexuelle nicht auf der Anklagebank gesessen haben. Es sind ja zwei unterschiedliche Straftaten, die getrennt verhandelt werden müssen.

Der zweite Film, in dem es ums Sichtbarwerden geht und an dem Magnus Hirschfeld offenbar mitgearbeitet hat, was indessen bisher nicht bekannt geworden ist, war der Film Geschlecht in Fesseln von 1928, der unter der Regie von Wilhelm Dieterle, der auch die Hauptrolle spielte, entstand. Hirschfeld zitiert ihn in „Abschnitt XXVIII. Die eigentlichen Sexualverbrechen“. Auf Seite 725 erscheint ein Still mit der Überschrift „Zur Sexualnot der Gefangenen“ und der Unterschrift „Zwei Gefangene stellen sich aus Brotkrume eine nackte Frauengestalt her (Aus dem Film „Geschlecht in Fesseln“)“.

 

Insofern die „Sexualnot der Gefangenen“ durch diesen Film überhaupt zum ersten Mal für die Öffentlichkeit sichtbar wird, was ihr bisher verborgen war, geht es hier auch um einen emanzipatorischen Akt. Auf Seite 726 erscheinen zwei weitere Bilder mit den Unterschriften „Pseudohomosexueller Annährungsversuch (Der homosexuelle Gefangene wird als Weiberersatz begehrt)“ und „Unter Abstinenzerscheinungen leidende Ehefrau besucht ihren Mann im Gefängnis“. Wiederum hat sich der Modus des Sichtbarwerdens verändert.

Im Abschnitt der „eigentlichen Sexualverbrechen“ erscheint mit den Unterschriften ein Verbrechen an der Sexualität. Die Sexualität von Strafgefangenen ist weiterhin ein gesellschaftliches Tabu. Es wird nicht darüber gesprochen oder berichtet. Gleichwohl ist es ein Genre der Pornoindustrie geworden. Indessen wird die Sexualität durch die Unterschriften von einem biologischen Diskurs eher ins Imaginäre verrückt. Denn „eine nackte Frauengestalt“ wird hergestellt und ein Gefangener „wird als Weiberersatz begehrt“. Die auch schwierige Formulierung vom „Gesicht und … Gestalt als Ausdrucksformen (der) Persönlichkeit und Geistesarbeit“ wird verschoben und fast schon als imaginär entlarvt.

Magnus Hirschfeld als Wissenschaftler seiner Epoche konnte nur an die Paradigmen der Wissenschaft anknüpfen, die ihm zur Verfügung standen. Die Wissenschaft verlangte dies geradezu von ihm. Im Sexualwissenschaftliche(n) Bilderatlas zur Sexualkunde lässt sich an den Bild-Unterschriften beobachten, wie Hirschfeld das Sichtbarkeitsparadigma der Naturwissenschaften abwandelt zum politischen Sichtbarwerden. An das Sichtbarwerden knüpft niemand geringeres als Rosa von Praunheim unter der wissenschaftlichen Beratung von Reimut Reiche und Martin Dannecker mit Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der lebt 1971 an. Der Film erscheint diesmal 3 Jahre früher als die wissenschaftliche Arbeit.   

 

Torsten Flüh

 

Hirschfeld-Tage 2012

 

Queer Movie Tour Special

Magnus Hirschfeld

18. Mai 2012 15:00 Uhr

26. Mai 2012 16:00 Uhr        

Kostenlos.

Anmeldung erforderlich: queer@filmstadt-berlin.de

 

Spendenkonto für das Denkmal:

 

Bildungs- und Sozialwerk des LSVD Berlin-Brandenburg e.V.

Konto: 082 44 33 01

BLZ: 100 700 24

Deutsche Bank

 

 


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Categories: Medien Wissenschaft

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