Zukunft in der Vergangenheit am Kiebitzweg - 50 Jahre Peter Szondi-Institut an der Freien Universität Berlin

Theorie – Literatur – Nation 

 

Zukunft in der Vergangenheit am Kiebitzweg 

50 Jahre Peter Szondi-Institut an der Freien Universität Berlin 

 

Der Kiebitzweg in Berlin-Dahlem heißt heute anders. Vom kleinen Weg und Vogel hat er sich in die des Kunsthistorikers Otto von Simson gewidmete Straße verwandelt. Ob Peter Szondi diese Verwandlung 1999 gefallen hätte, kann man nicht wissen. Am 18. Oktober 1971 verschwand Peter Szondi plötzlich. Am nächsten Tag fehlte er unentschuldigt bei der Sitzung des Fachbereichs. Er hatte 1965 die Umbenennung seines Lehrstuhls in Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft durch das Kuratorium der Freien Universität Berlin erwirkt. Das AVL-Seminar war gegründet. Ein unscheinbarer Vorgang, der die national, nämlich deutsch(!) definierte Literaturwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland bis auf den heutigen Tag verändert hat. Ein Bruch.

 

Gleich neben der spektakulären Philologischen Bibliothek der Freien Universität von Norman Foster im Seminarzentrum kamen am Mittwoch über 100 Absolventinnen und Studierende der AVL zusammen. Irene Albers, Professorin am Institut, das seit 2005 auf Anregung seines Schülers Gert Mattenklott Peter Szondi-Institut heißt, hat mit Studentinnen seit dem Sommersemester 2015 dessen 50jährige Geschichte bearbeitet. In der Philologischen Bibliothek wurde eine literaturkritische Ausstellung mit dem Titel Ethos des Lesens eröffnet, der Dokumentations- und Reflexionsband Nach Szondi wurde vorgestellt, Ginka Steinwachs und Hanns Zischler lasen den imaginären Dialog Szondi-Dienstag aus Die weiße Woche von Steinwachs, Audio- und Video-Dateien mit Szondi und zum Institut wurden projiziert, Hans-Thies Lehmann hielt den Festvortrag Kunst des Verstehens, Kunst des Nichtverstehens und zu guter Letzt wurde ein Fest gefeiert.  

 

Der Tod des Holocaust-Überlebenden Peter Szondi in der gesellschafts- und bildungspolitisch heftig umkämpften Zeit um 1968 wird im Dokumentationsband Nach Szondi vor allem in der Chronik vermerkt.[1] Lesbar wird mit dem Eintrag vom 20. Oktober 1971 auch, dass der Ausschuss die „Ausschreibung mit der alten Denomination (vorschlägt), um den Bewerberkreis nicht einzuengen“. In der unplanmäßigen Abwesenheit von Peter Szondi wurde kurzerhand das „Vergleichende“ des AVL administrativ einkassiert. Die durchaus literarische Form des Gerüchts, der Flur- und Vier-Augen-Gespräche hat für die Quelle „Kurze Chronologie“ einen Eintrag generiert, dessen revisionistisches Vorhaben Szondi nicht unbekannt geblieben sein dürfte. Die euphemistische Begründung im unscheinbaren Kausalsatz zielte auf Szondis literaturwissenschaftliches Konzept und Werk.  

 

Szondi hatte einen Ruf nach Zürich erhalten, wohin sein Vater der Psychoanalytiker und Psychopathologe Leopold Szondi mit seiner Familie und 1683 Juden nach einer Deportation von Budapest ins KZ Bergen-Belsen durch die Nationalsozialisten auf Anweisung Heinrich Himmlers als „Austauschjuden“ in einem „Geldhandel“ im Juni 1944 freigekauft worden waren.[2] Peter Szondi hatte als 12jähriger seit 1941 seine und die Entrechtung seines Vaters in Budapest erlebt. Der Vater verlor seine Professur an der Hochschule für Heilpädagogik und wurde gezwungen, mit seiner Familie in ein „Judenhaus“ zur Zentralisierung und Stigmatisierung vor der Deportation umzuziehen.[3] 1971 versicherte Peter Szondi  seinen Studentinnen in Berlin, dass er sie weiterhin betreuen werde. Am 9. November 1971, 22 Tage nach dem Verschwinden, wurde seine Leiche aus dem Halensee geborgen. Gershom Scholem reiste aus Zürich zur Trauerfeier im Krematorium Wilmersdorf an. Siegfried Unseld berichtete in seiner Chronik, dass „wenig sogenannte Prominenz … gekommen“ war.[4]  

 

Das Institutsjubiläum und die Ausstellung Ethos des Lesens werden von Irene Albers und ihrem studentischen Team auch in den Kontext von Philipp Felschs höchst erfolgreichen „kulturwissenschaftlichen Rückblick“ Der lange Sommer der Theorie gerückt.[5] Denn Felsch entfaltet die Theorie als ein Genre der Literatur, die „mehr als eine Folge bloßer Kopfgedanken (war); sie war ein Wahrheitsanspruch, ein Glaubensartikel und ein Lifestyle-Accessoire“, der und das in „billigen Taschenbüchern“ verbreitet wurde, um zu zirkulieren.[6] Philipp Felschs kulturwissenschaftlich angelegte Geschichte und Erzählung ist dem Szondi-Schüler und Verleger Peter Gente (1936-2014) gewidmet, der 1970 den Merve Verlag im Umfeld heftiger bildungspolitischer Kämpfe und quasi aus dem AVL heraus gründete. Peter Gente verlegte im Merve Verlag noch vor Peter Engelmann mit dem Wiener Passagen Verlag[7] die französischen Theoretiker wie Michel Foucault, Gilles Dilleuze und Michel Serres.[8]

 

Während im Fachbereichsrat Germanistik im Wintersemester 1970 drei Proseminare der „Roten Zellen Germanistik“ abgelehnt wurden, es zu einem heftig geführten Prozess kam und schließlich das Verwaltungsgericht Berlin im März 1971 entschied, dass die „Anordnung des Senators, drei links-germanistische Proseminare zu verhindern,“ „in allen Punkten rechtswidrig“ war,[9] wurden schon im Sommersemester 1968 im Oberseminar von Peter Szondi die strukturalistisch-theoretischen Ansätze von de Saussure, Trubetzkoy, Jacobson, Roland Barthes – Elémente de sémiologie aus Communications – und Jacques Derrida – La structure, le signe et le jeu aus L’écriture et la différence (1967) – gelesen und diskutiert.[10] Jacques Derrida kam 1968 und 1969 auf Einladung Szondis zum Vortrag in den Kiebitzweg, 1973/1974 nahm er am Institut eine Gastprofessur wahr. Theorie war um 1968 vor allem auch ein Versprechen auf die Unterscheidung von der Geschichte, Literaturgeschichte und Germanistik als tief im 18. Jahrhundert verwurzelte und durch die Alt-Germanistik nachträglich im 19. Jahrhundert legitimierte Nationalideologie.

 

Das Genre Theorie erzählte und erzählt Geschichte mit anderen literarischen Verknüpfungstechniken. Sie ist deshalb nicht einfach „Wahrheitsanspruch“, wofür sie oft benutzt wurde, oder passé, sondern wirkt einer simplifizierenden Nationalgeschichte und nationalgeschichtlicher Literatur entgegen. Erst aus einer theoretischen Perspektivierung der deutschen und europäischen Literaturen wird ein fast vergessener, höchstens noch in die Architekturgeschichte als Irrtum abgedrängter oder ausnahmsweise von Hans Belting[11] kritisch bedachter Text von Johann Wolfgang von Goethe als enorm strukturierend lesbar. Es ist ein Text, der selbst in jüngerer Zeit noch literaturgeschichtlich der „Genieästhetik“ zugeschlagen wird.[12] Von deutscher Kunst von Johann Wolfgang Goethe prägte den Begriff Gotik 1772 derart folgenreich als deutsch um[13], dass Jacob und Wilhelm Grimm in der Vorrede zu ihrem Deutschen Wörterbuch stolz darauf sind, das Gothische im Unterschied und in Überbietung zu Adelungs Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart zu verwenden:   

Auf ahd. ja auf gothische sprache muste im wörterbuch oft zurück gegangen werden, um der ältesten und vollendetesten gestalt eines ausdrucks habhaft zu werde… wie noth mhd. beispiele thun, sah zuweilen schon ADELUNG, ahd. gibt er selten, gothische nie.[14]

Peter Szondi war nicht unbedingt theoriebildend. Sehr wohl allerdings waren Name und Programm des Instituts mit einer „theoretische(n) Bemühung“ verknüpft und begründet worden. So formuliert er am 26. Mai 1965 im Brief an den Dekan der Philosophischen Fakultät, dass „die systematische, aufs Ganze der Literatur zielende theoretische Bemühung …, die nicht dem Vergleich von Unterschiedenem, sondern der Erforschung des Gemeinsamen“ gelten solle.[15] Er sprach sich pointiert gegen die „Nationalliteraturen“[16] aus, was eine theoretische Tragweite hatte. Als Überlebender ahnte Szondi, wenn er es nicht gar wusste, dass eine an der Nationalliteratur orientierte Wissenschaft, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wenn nicht befördert, so doch wenigstens nicht verhindert hatte.[17] „(A)ufs Ganze der Literatur“ zu zielen, verlangte auch nach einem anderen Begriff von Literatur oder, wie Lehmann es in seinem Erinnerungstext formuliert, „den Versuch Literatur und mit Literatur zu denken“.[18] Jürgen Brokoff weist in seiner Lektüre des Briefes darauf hin, dass „Szondis Plädoyer für eine Allgemeine Literaturwissenschaft“ dazu dient(e), der „Ignoranz“ in der „deutschen Wissenschaft“ gegenüber dem Strukturalismus „den institutionellen Boden zu entziehen“.[19]

Szondi unterschied sich in seiner politischen Haltung entschieden zu den Vorgängen in der Germanistik der FU 1971. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Hinweisen, Formulierungen, Dokumente, die in dem Band Nach Szondi versammelt sind. Beispielsweise erinnert Hans-Thies Lehmann daran, dass er sich dafür einsetzte, „daß marxistische Literaturwissenschaftler eine Stelle am AVL-Institut bekamen“.[20] Als Peter Szondi sich am 27. Januar 1969 bereit erklärte „relegierte Studenten an seinem Seminar aufzunehmen“, kursierte seine „Meldung eines Vorfalls am Seminar“, bei dem randaliert worden war, mit der Überschrift „Schizophrenie EINES ORDINARIUS‘????!“.[21] Vor Strategien der Denunziation, Absonderung und Ausgrenzung war er selbst an der Freien Universität Berlin nicht geschützt.

 

Die wesentlich durch Studentinnen - Lydia Dimitrow, Patrick Durdel, Lara Gross, Milena Hassenkamp, Jonas Mirbeth, Sima Reinisch, Nele Ana Riepl, Benjamin Schlodder, Christian Steinau -  konzipierte und eingerichtete Ausstellung Ethos des Lesens hat vor allem Fragen zum Medium Ausstellung in den Vordergrund gerückt. Denn Lesen heißt nicht zuletzt Forschen als ein Formulieren von Fragen. Auf den Scheiben der Schaufenster sind Fragen angebracht: „Ist unsere Ausstellung essayistisch? Wie viele Leistungspunkte bekommen wir für diese Ausstellung? Was bedeutet die Vergangenheit für unsere Gegenwart? Welche Gäste würde Szondi heute einladen? Ist die Beschriftung zu klein?“[22] Fragen generieren sich allerdings auch durch Studiensysteme und Normierungen, wenn nach „Leistungspunkte(n)“ gefragt wird. Ein Offenlegen von Strukturen wird so fast unmittelbar praktiziert. 

 

Die Ausstellung und ihre Dokumente werden in vier Phasen unterteilt: Das Institut von Peter Szondi: 1965-1971 – Das Interregnum: 1971-1977 – Übergänge 1974-1984 - Im Hüttenweg 1984-2005 bzw. Von der »Orchidee« zum »Filetstück«, vom Kiebitzweg zur »Hütte«: 1977-2005 – Erweiterungen und Ausblicke: 2005-2015.[23] Was bei Szondi und anderen gelernt wurde, dokumentiert sich nicht nur in publizierten Büchern wie Derridas Grammatologie auf deutsch und Schriftstücken, vielmehr treten Formulierungen der Studentinnen aus den jeweiligen Phasen des Instituts hinzu, was man ein konstellatives Verfahren und Angebot nennen könnte. Beispielsweise wenn Ginka Steinwachs neben Peter Gente und Ralf Fiedler zitiert wird.

um es in einem donnersatz zu fassen, bei peter szondi habe ich lesen gelernt und, daß kein mensch besser schreiben als er oder sie lesen kann. lesen ist kein einmaliger vorgang, der irgendeine neugier befriedigt. lesen ist von anfang an wiederholung.  

 

Die illustre und wirkungsmächtige Geschichte des AVL an der Freien Universität hat in der Ausstellung vielleicht weniger essayistische als vielmehr zersplitternde Züge. An der Vielfalt und Vielschichtigkeit der Exponate allein schon durch die Vielzahl der am Institut oder von Ehemaligen des Seminars publizierten Bücher, lässt eine Erzählung nur in ihren Brüchen und durchaus auch Widersprüchen lesen. Eine Homogenisierung ist nicht nur unmöglich, sie verbietet sich auch theoretisch aus der Geschichte heraus. Die institutionelle Geschichtlichkeit kehrt allenfalls in den Mythen (Barthes) von Höchststandards, permanenter Überforderung als Herausforderung und knallhartem Numerus Clausus als „Kontinuität“ wieder. Vermutlich hat kaum ein anderes Institut der Literaturwissenschaft mehr Professorinnen hervorgebracht als dieses. So fragen sich denn auch die Studentinnen auf der letzten Scheibe:

              Machen wir Politik mit der Ausstellung? 

Sind die Exponate versichert? 

Konstruieren wir Kontinuität? 

Stellen wir Fälschungen aus? 

Ist die Geschichte des Instituts ein Auftrag?    

 

Neben Gert Mattenklott als Schüler Szondis wurde Eberhard Lämmert ab Oktober 1976 Präsident der Freien Universität und 1977 als Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft zu einem prägenden Lehrer in der Formulierung eines Literaturbegriffs. Er wurde 1996 Gründungsdirektor des Zentrums für Literaturforschung (ZfL) der Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin, das Sigrid Weigel von 1999 bis diesen Juli leitete. Die fraktale Geschichte des Instituts ist nicht zuletzt mit der Formulierung des Literaturbegriffs zwischen „Orchidee“, „Filetstück“ und den gesellschaftlichen Bezügen verknüpft. Die Funktion der Literatur in der Gesellschaft und der Gesellschaft für die Literatur lassen sich nicht auf Orchidee oder Filetstück einschränken. Vielmehr geht es mit Roland Barthes immer noch um Mythologien als Literatur, die Gesellschaft und gesellschaftliche Prozesse generieren sowie Mächte bündeln.

 

Selbst und gerade die Belletristik als Literatur und Orchidee verdankt einem politischen Dekret 1663[24] und dem Vorwort der Enzyklopädie D’Alemberts 1751 ihre Geburtsstunde. Die Literatur der Wissenschaft wird von der Kunst mit der Formulierung „même à quelques gens de Lettres, qui nous ont demandé comment deux personnes pouvoient traiter de toutes les Sciences & de tous les Arts“ abgetrennt. Die Schriftsteller (gens de Lettres) schreiben nun wie zwei Personen über „de toutes les Sciences & de tous les Arts“. Die Aufspaltung der Lettres[25] als Literaturen nach Wissenschaften und Künsten stellt auch mancherlei geschlossene Konzepte von Literatur und ihrer Wissenschaft vor schwierige Aufgaben, die im 19. bis ins 20. Jahrhundert drängend werden. Der Literaturbegriff der Moderne wird im europäischen Kontext durch diese Aufspaltung entschieden strukturiert.   

Hanns Zischler und Ginka Steinwachs boten mit SZONDI-DIENSTAG aus: DIE WEISSE WOCHE mehr eine Performance als eine schlichte Lesung. Hanns Zischler hatte bei Peter Szondi Vorlesungen gehört und geriet 1968 in den Vortrag von Jacques Derrida, der auf Szondis Bemühungen zustande gekommen war. 1974 erschien seine Übersetzung von Derridas De la grammatologie, die er zusammen mit Hans-Jörg Rheinberger erarbeitet hatte. Zischler gehörte zum Ensemble der Schaubühne. Anders gesagt: Hanns Zischler und Ginka Steinwachs haben nicht nur durch Peter Szondi, vielmehr noch über das Performative einen Bezugspunkt. Zischlers Erinnerungstext im Dokumentationsband verfährt denn auch eher performativ als darstellend. 

Hören. Zuhören. Ein murmelnder Bach, unaufhörlich sprudelt es aus ihm hervor, sanft, bestimmt, von einem kaum wahrnehmbaren Atem getragen, für unsere jungen Ohren ungewohnt die Prosodie des Französischen: wer ihn vernehmen und verstehen will, muß sich höchster Aufmerksamkeit befleißigen, den Blick nicht abwenden, wie die Taubstummen es untereinander tun, Lippenlesen. Derrida spricht …[26]

Ginka Steinwachs war auf Anregung Peter Szondis zum Studium nach Paris gegangen, wo sie nicht zuletzt die Seminare von Roland Barthes besuchte. Lange vor instituionalisierten Erasmus-Programmen war ein Studienaufenthalt in Paris Ende der 60er Jahre natürlich noch ein Novum. Roland Barthes regte Steinwachs quasi dazu an, wissenschaftliches mit literarischem Schreiben zu verknüpfen oder, wenn man so will, das auf andere Weise zusammenzubringen, was seit dem Vorwort der Enzyklopädie im 18. Jahrhundert getrennt worden war. Aus dieser Konstellation entstand ca. 1969 Steinwachs‘ Text DIE WEISSE WOCHE. Zwischen Dokument aus vor 50 Jahren und Fälschung im Modus eines Lesens, das laut Steinwachs immer schon Wiederholung ist, entstand der dialogisch angelegte Szondi-Dienstag-Text für das Einmal der Performance am Mittwoch. 

ginka: j’ai vingt et un an, I am twentyone, mit einundzwanzig jahren bin ich im sechsten semester immatrikuliert, studentin der komparatistik ( streichhölzer, geste ) 

und zünde allgemein & vergleichend kerzen an. 

hanns: da brennt er lider-lichter-loh, der altar ihrer zukünftigen größten liebe. zukunft in der vergangenheit. 

ginka: wie ich zukunft in die vergangenheit hole? 

hanns: liebe ist eine frage der gnade. 

ginka: ganz einfach. ich habe meine zwei paar göttinger drillingsfüße gegen berlin ausgetauscht. mit diesen ungetümen gehe ich einholen, was sich der gegenwart sperrt. 

hanns: eine art sperrgut das gefühl der liebe.[27]

 

Die Performance fand im Seminarraum als Bühne allgemein großen Beifall. Den Vorgang der Erkenntnis markierte Steinwachs mit einem aufleuchtenden AHA-Stift. Denn Theorie, nicht zuletzt Texttheorie und Szondi-Erinnerung überschneiden sich auf witzige Weise in den beiden Szondi-Schülerinnen. Ja, Schülerinnen für Hanns und Ginka in der grammatischen Form des Femininums, so wie am 4. Januar 1989 das „Schwerelose Protokoll von luftleerer Streik-VV“ von der „Raumgleiterin Petra Szondi - / <Operation Intergalaktizität statt Interdisziplinarität“ am AVL witzig und subversiv schrieb.[28] Das grammatische Geschlecht als Gendering und das Geschlecht in seiner Vieldeutigkeit in der deutschen Sprache als Herkunft, Rasse, Merkmal und Kategorie etc.    

ginka: er ist text. er ist gewebt aus text. er ist so sehr text, substantiv textil, wie ich es sonst noch nie bei wem erlebt habe. 

hanns: um mich seiner textilität versatil zu vergewissern, lese ich texte, durchdringe mich mit text, bin selbst gewebe. ein gewebe aus zeilen & zeilenabständen, interlinearversion. 

ginka: mein hebräisch läßt nach über den anforderungen für die mittelenglische und für die altfranzösische prüfung. 90 fragen in 90 minuten. so versuche ich es anders. 

hanns: und beschäftige mich mit kant und hegel. 

( wortspielerisch ): kant der rand. hegel pegel. kant die wand. hegel kegel. kant die hand. hegel segel. 

er ist text, das will sagen artefakt wie jedes kunstwerk. 

ginka: so stoße ich bei ihm schlageifrig an grenzen vor. (Originaldatei)

 

In seinem Festvortrag Kunst des Verstehens, Kunst des Nichtverstehens. Peter Szondi, die Literatur und die Kunstwissenschaften heute sprach Hans-Thies Lehmann über die „falsche Vorstellung von Wissen, das es aufzufinden gilt“. Lehmann war durch Gert Mattenklott wissenschaftliche Hilfskraft von Peter Szondi geworden. Seine Studien führten ihn schließlich zur Theaterwissenschaft und 1988 bis zur Emeritierung 2010 als Professor für Theaterwissenschaft an die Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Nachhaltig prägte er 1999 den Begriff des Postdramatischen Theaters. Entscheidend ist für ihn auch als Anknüpfung an Peter Szondi, dass das „Verstehen von Kunst … ein Nichtverstehen (impliziert)“. Ihm geht es nicht um ein „überzeitliches“ Verstehen, sondern darum dass sich die Wissenschaften der Gefahr des Nichtverstehens ins Auge sehen, statt in den Disziplinen Schutz zu suchen. 

 

Torsten Flüh 

 

 

PS: Also „P.S. “ (Ginka Steinwachs), Peter Szondi hätte die Umbenennung des Kiebitzwegs in Otto-von-Simson-Straße sicherlich einerseits verletzt, andererseits hatte Otto-von-Simson aus „rassischen“ Gründen emigrieren müssen. Denn der Kunsthistoriker Otto von Simson gehörte der Notgemeinschaft für eine freie Universität an, die 1970 von konservativen Professoren als Sektion des Bundes Freiheit der Wissenschaft an der Freien Universität gegründet wurde. Die Notgemeinschaft, die namentlich an die Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft von 1920 anknüpfte, führte u. a. Schwarze Listen gegen „kommunistische Unterwanderungsbemühungen“. Siehe dazu auch die Geschichte der Freien Universität Berlin.

 

PPS: Die Erzählung zum Foto mit Peter Szondi und Gershom Scholem von Marlene Schnelle-Schneyder lässt sich auch im Katalog nachlesen.

 

Irene Albers (Hg.) 

Nach Szondi 

Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft 

an der Freien Universität Berlin 1965–2015 

bis 31.12.2015 zum Subskriptionspreis von 20 Euro. 

544 Seiten, 17 x 24 cm, Klappenbroschur 

ISBN 978-3-86599-322-9 

29,80 €

 

Ethos des Lesens 

bis 15. März 2016

Philologische Bibliothek der Freien Universität Berlin

Habelschwerdter Allee 45 

14195 Berlin-Dahlem 

 

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[1] Irene Albers (Hg.): Nach Szondi. Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Berlin: Kadmos, 2015, S. 476-478.

[2] Vgl. die Biografie von Leopold Szondi auf www.leopold-szondi.com

[3] Eine umfangreiche Dokumentation zu den „Judenhäusern“ in der Bornstraße in Hamburg und zum Grindelviertel befindet sich auf der Seite „Das Jüdische Hamburg. Ein historisches  Nachschlagewerk“. Siehe auch: Karin Guth: Bornstraße 22: ein Erinnerungsbuch. Hamburg: Dölling und Galitz, 2001.

[4] Ebd. S. 476.

[5] Irene Albers: Vorbemerkung. In: dies.: Nach … [wie Anm. 1] S. 12.

[6] Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990. München: C.H.Beck, 2015, S. 12.

[7] Vgl. Im Auftrag der Freunde. Peter Engelmann und die Gründung des Passagen Verlags. 6. Oktober 2012 11:04 http://nightoutatberlin.jaxblog.de/post/Im-Auftrag-der-Freunde-Peter-Engelmann-und-die-Grundung-des-Passagen-Verlags.aspx

[8] Vgl. Die Odysseen des Michel Serres. Odysseys and Shipwrecks for Michel Serres by the Spree. 2. August 2010 20:04 http://nightoutatberlin.jaxblog.de/post/Die-Odysseen-des-Michel-Serres-Odysseys-and-Shipwrecks-for-Michel-Serres-by-the-Spree.aspx 

[9] Werner Dolph: Der Berliner Senat im Unrecht. Germanistik und Politik: ein überflüssiger Prozeß. In: Die Zeit vom 26. März 1971. Hamburg, 1971.

[10] Irene Albers: Nach … [wie Anm. 1] S. 45.

[11] Hans Belting: Die Deutschen und ihre Kunst: ein schwieriges Erbe. München: C. H. Beck, 1992, S. 130.

[12] Ulrich Karthaus: Sturm und Drang. Epoche – Werke – Wirkung. München: C.H. Beck, 2007, S. 67-70.

[13] Ausführlich dazu: Torsten Flüh: Flugblatt – Zeitung – Blog. Zur Materialität und Medialität neuerer deutscher Literaturen. Berlin, 2015 (Manuskript). Und: Torsten Flüh: Abseits gelegen. Mittelalter-Konjunktur und -Projektionen. 1. August 2013 21:04 

[14] Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Vorwort. XIX.

[15] Peter Szondi: Brief an den Dekan vom 26. Mai 1965. In: Irene Albers: Nach … [wie Anm. 1] S. 20.

[16] Ebd.

[17] Bezüglich einer Nationalliteratur ist abermals auf Goethes Text Von deutscher Kunst hinsichtlich seiner Editionsgeschichte und -praxis zu verweisen. 1940 wird er in der „Linotype Tannenberg mit gotischen Schmuckversalien“ als Ausgabe der Mergenthaler Setzmaschinen-Fabrik mit dem stark historisch rückbindenden Titel Von deutscher Baukunst: Dis manibus Ervini a Steinbach 1772/1773 als „Gabe zur Jahresversammlung der Bibliophilen“ ediert. Und als Scharniertext für das Deutsche wird er sogleich nach 1945 von der Arbeitsgemeinschaft Thüringischer Verleger bis 1948 mehrfach verlegt. Siehe: Torsten Flüh: Flugblatt … [wie Anm. 13]  

[18] Hans-Thies Lehmann: Aura und Distanz – Erinnerungen an Peter Szondi. In: Irene Albers: Nach … [wie Anm. 1] S. 289.

[19] Jürgen Brokoff: Allgemein und vergleichend, systematisch und historisch. In: ebd. S. 23.

[20] Ebd. S. 290.

[21] Ebd. S. 61.

[22] 2. Teil „Bei Szondi“ in der Ausstellung

[23] So die ausführlichere Untergliederung in dem ergänzenden Band Nach Szondi.

[24] Die Belletristik als Belles Lettres differenziert sich seit dem 17. Jahrhundert nicht zuletzt mit der Académie des inscriptions et belles-lettres 1663 am Hof Ludwig XIV. durch Jean-Baptiste Colbert heraus.

[25] Das Lemma Lettres weist im Französischen eine besonders große Gebrauchsvielfalt auf. So kann Lettres nicht nur für Literaturwissenschaft, sondern auch Geisteswissenschaft gebraucht werden.

[26] Hanns Zischler: Nach Jahren, Nachklänge. In: Irene Albers: Nach … [wie Anm. 1] S. 369.

[27] Ginka Steinwachs: Szondi-Dienstag aus: Die weiße Woche. (Originaldatei-PDF) und Ginka Steinwachs: P.S. In: ebd. S. 332-343.

[28] Siehe S. 187. In: ebd. 


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