ausBildung - Nebensonnen im Rahmen des HipHopOperFilmTheater-Projektes winterREISE im Jugendknast

Mann – Gewalt – Beruf

 

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Nebensonnen im Rahmen des HipHopOperFilmTheater-Projektes winterREISE im Jugendknast

 

Enforcer, Soldat, Star in dem Stück Krieg von Dennis Foon sind das „Männer-Jungen“, die vor allem eines mit auf ihren Lebensweg bekommen haben: Leere. Die Männer zwischen 15 und 24, die in der Jugendstrafanstalt Berlin auf 50.000qm im Bezirk Charlottenburg ihre Jugendstrafe verbüßen, haben i. d. R. keinen Schulabschluss, keine abgeschlossene Ausbildung und kommen zu 40% aus einem Migrationsumfeld. Nun stehen bis zum 22. März 14 von über 340 Strafgefangenen im Saal der JSA auf der Bühne mit einem angedeuteten Käfig.


Atik, Engin, Mesut, Alex, Cristi, Deniz, Roman, Ali, Hussein, Jeffrey, Gino, Saddam, Salman, Tamer verbüßen nicht nur ihre Jugendstrafe im geschlossenen Vollzug und unterliegen der per Gesetz verordneten „Arbeitspflicht“. Sie haben vielmehr in den letzten 3 Monaten in ihrer Freizeit intensiv, ja, hart für Nebensonnen geprobt. Nebensonnen heißt das Lied aus Franz Schuberts romantischem Liedzyklus Winterreise und gibt in der Textcollage aus Krieg, Aischylos’ Sieben gegen Theben etc. sowie von den Mitspielern selbst geschriebenen Szenen das Motto.


Das HipHopOperFilmTheater-Projekt winterREISE, das der künstlerische Leiter Jörn Hedtke a.k.a. HipHoper und Produzent kronstädta, man beachte das coole HipHop-a statt er, mit dem Gefängnistheater-Team aufBruch und dem Regisseur Peter Atanassow entwickelt hat, ist nicht nur als Freizeitgestaltung im Knast angelegt, sondern soll die jugendlichen Straftäter auch für Berufe im Event- und Medien-Bereich qualifizieren. Denn davon träumen in Zeiten flächendeckenden Castings heute Jugendliche. HipHop als Musikrichtung und Jugendkultur mit dem coolen Endungs-a könnte so auch ein neuer Anfang werden.


Die Rollen Andy, Benny, Steve und Tommy sind mit jeweils 3 bzw. 4 Mitspielern besetzt. Monologe wechseln mit kurzen dialogischen Szenen, chorische Szenen nach antikem Vorbild werden gegen HipHop-Nummern geschnitten. Vor allem aber geht es ums Sprechen selbst. Was die Strafgefangenen nämlich nicht beherrschen bzw. nur in einer mehr oder weniger marginalen wie marginalisierenden Umgangssprache können, ist die Aussprache der deutschen Sprache, so dass sie hörbar wird. Sprechen ist eine Hürde. Sprechen und Aussprache führt nicht nur zur Gruppenbildung. Sie grenzt vor allem auch aus, beispielsweise den Sprecher selbst. Und dann geht auf einmal Mesut nach vorne und zelebriert das stimmhafte S: Susi sag mal saure Sahne. Susi sag mal saure Sahne… Ein Quantensprung.


Nebensonnen arrangiert sich um das Thema von Männlichkeit und Gewalt. Benny – Alex, Cristi, Deniz, Roman – pumpen ihre Schultern mit Eishockey-Monturen auf. Benny ist vom Spielertyp ein Enforcer. Enforcer teilen in der nordamerikanischen Eishockeyliga aus, stecken ein und verdienen wenig. Enforcer könnte man mit Vollstrecker übersetzen und im Eishockeyteam beschützt er einen Stürmer bzw. die Stürmerstars. Enforcer arbeiten mit dem Kopf als Kampfmittel und ziehen sich deshalb insbesondere Gehirnerschütterungen zu. Sie sind „Maschinen“. In einer selbstgeschriebenen Szene zum Thema Amerika, USA - Club Street Fight, sagt E:

Der Typ ist eine Maschine, aber er macht mir keine Angst, wie gesagt: ehrgeizig und selig werde ich ihn plattmachen.


Am Schluss von Nebensonnen sind Benny und Tommy, beide platt. Mausetot wie Eteokles und Polyneikes in Aischylos’ Sieben gegen Theben. Die Söhne des Ödipus bringen sich am siebten der Sieben Tore Thebens gegenseitig um. An den Söhnen des Ödipus vollzieht sich das Schicksal nicht nur des Vaters, vielmehr noch fokussiert die Textcollage die Söhne als Vollstrecker der Männlichkeit als Programm. Denn Aischylos feiert in seiner Tragödie vor allem ein Identitätskonzept des Mannes in Abgrenzung zur Frau und dem Anderen. Richtige Männer agieren als Maschinen, Kampfmaschinen und Anführer. Die Namen der Söhne werden zum Programm Polyneikes, der Vielstreitende, und Eteokles, der Wirklichruhmreiche:

O gottverstörtes, Göttern schwer verhaßtes, all-

Beweintes, Ödipus entstammtes, mein Geschlecht!

Weh! Wie erfüllen sich des Vaters Flüche nun!

Doch nicht zu klagen noch zu jammern steht uns zu,

Daß Jammer nicht erwachse, der noch schwerer drückt.

Bei Polyneikes, der zu Recht den Namen führt,

Wird bald uns kund sein, wie sein Zeichen sich erfüllt.[i]


Johann Gustav Droysen veröffentlichte 1832 eine vielbeachtete und den Hellenismus des 19. Jahrhunderts ankündigende Übersetzung sowie umfangreich historisch und kunstwissenschaftlich kommentierte Ausgabe der Werke des Aischylos. In der Geschichtswissenschaft werden mit Droysens nunmehr historisch konzipiertem Buch Alexander der Große 1833 die „Großen Männer“ zum Modus der Geschichtserzählung. Sie werden das Bild als Geschlecht des deutschen bzw. des Mannes überhaupt prägen. Die Übersetzung der oben zitierten Passage lautet bei Droysen:   

O gottverblendetes, o du gottverworfenes

Und allbeweintes, mein Geschlecht des Ödipus!

Weh mir! Des Vaters Flüche werden jetzt erfüllt.

Doch nicht zu weinen und zu jammern ziemt sich mehr,

Auf daß erzeugt nicht werde noch unselgrer Gram!

Mit rechtem Namen neid- und haderreich genannt,

Wird bald erkannt sein, wo hinaus sein Wappen zielt,

Und ob ihn heimführt jene goldgeprägte Schrift,

Die mit dem Wahnwitz seines Sinns im Schilde prahlt.


Sieben gegen Theben, aus denen in der Übersetzung von Durs Grünbein, mehrfach zitiert, gar die Geschichte des Ödipus kurz erzählt wird, formuliert Ruhm nicht zuletzt als Befriedung durch Vernichtung unter Aufgabe des eigenen Lebens. Ruhm und Männlichkeit werden mit Eteokles namentlich hervorgerufen. Auf den (weiblichen) Einwand des Chores, dass „Männer gleichen Bluts sich“ nicht töten sollen, rechtfertigt Eteokles das Töten wie den Tod durch die Gesetzmäßigkeit des Ruhms:

… Doch töten also Männer gleichen Blutes sich,

So löscht kein Alter solchen Makel jemals aus.

ETEOKLES

Wenn einer ohne Schande Unglück auf sich lädt,

So sei’s! Für Tote ist’s der einzige Gewinn.

Nur wo sich Unglück eint mit Schande, fehlt der Ruhm.[ii]


Die Männerbilder der „Männer-Jungs“ auf der Bühne der Jugendstrafanstalt Berlin liegen dem klassischen Bild des Hellenismus aus dem 19. Jahrhundert näher als man auf den ersten Blick glauben wollte oder sollte. Es wird nicht zuletzt über die Frau als Besitz definiert, die bei Aischylos im Haus zu bleiben hat und in einer selbstgeschriebenen Szene eines Mitspielers schon einem anderen gehört, als sei sie nur Besitz und Beute des Stärkeren.

B        Was?! Du bist vergeben?

Jasmin Ja, und deshalb sag ich dir ein letztes Mal: Ruf mich einfach nicht mehr an! Vergiss mich einfach, du Hund!

B        Wer ist denn dein neuer Stecher? Ich werde sein Leben zur Hölle machen, ich werde ihn kaputt hauen!

Jasmin Hahaha… Du? Du wirst Ahmed kaputt hauen? Hahaha, dass ich nicht lache.

B        Oh, hehe… ich hab es nicht so gemeint.

Legt auf. Angst. Eifersucht

A        Und, was sagt sie?

B        Sie ist jetzt mit Ahmed zusammen.

A        Oh Scheiße? Hahaha, da kannst du nichts mehr machen. Er tötet dich…

B        Bruder, ich mache jetzt Selbstmord.

Anton zieht die Pistole aus der Tasche, erschießt seinen Freund und dann sich selbst.[iii]  


Hinter der Gewaltbereitschaft lauert immer wie in Aischylos’ Tragödie auch die Selbstzerstörung. Der romantische Zug der Selbstaufgabe, der in dem Lied Nebensonnen durchschimmert, verwandelt sich im Hellenismus als historische Erzählung vom Großen Mann als Idealtypus in ein Gesetz des Opfers wie es Eteokles als Ruhm formuliert. Auf diese Weise rückt die Textcollage aus Nebensonnen, Krieg und Sieben gegen Theben sowie von verurteilten, meist gewaltaffinen Straftätern selbstgeschriebenen Szenen näher zusammen. Was zunächst als Manko an Bildung zur Gewalttat führt, wurde im Modus der Bildung und Hochkultur einst zum Model erhoben.


Nicht zuletzt wegen seiner lyrischen Form schwanken die Interpretationen von Wilhelm Müllers Die Nebensonnen, die Franz Schubert im Herbst 1827 in seiner Winterreise vertonte. Johann Ludwig Wilhelm Müller (1794-1827) war allerdings zu Lebzeiten bekannter als „Griechen-Müller“. Nachdem er 1821/24 die Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines Waldhornisten veröffentlicht hatte, wurde er ab 1821 vor allem mit den Liedern, den Neuen Liedern und 1824 Neusten Liedern der Griechen bekannt. Die Nebensonnen blenden auch. Die Mehrzahl der Sonnen verwirrt und weckt den Wunsch nach dem Dunkel.

Drei Sonnen sah ich am Himmel steh’n,

Hab’ lang und fest sie angeseh’n;

Und sie auch standen da so stier,

Als wollten sie nicht weg von mir.

 

Ach, meine Sonnen seid ihr nicht!

Schaut Andren doch ins Angesicht!

Ja, neulich hatt’ ich auch wohl drei;

Nun sind hinab die besten zwei.

 

Ging nur die dritt’ erst hintendrein!

Im Dunkeln wird mir wohler sein.


Einmal abgesehen davon, wofür Die Nebensonnen zwischen Himmelserscheinung, Kriegskameraden und Drogenhalluzination stehen könnten, verkehrt sich das Bild der „Drei Sonnen“ in den Wunsch nach Dunkelheit. Aus einem zuviel an Licht erwächst der Wechsel ins Dunkel. Das Dunkel als Trost – „wird mir wohler sein“ – generiert sich nicht zuletzt als Wunsch dadurch, dass zwei „Sonnen“ erloschen sind, denen „die dritt’“ als Ich zu folgen begehrt. Das aufklärerische Licht Griechenlands der Zeit um 1800 verkehrt sich in einen Wunsch nach dem Dunkel. Unter anderem hieß Kleists dichterisches Zeitschriftenprojekt 1808 Phöbus – Ein Journal für die Kunst, nach dem Sonnengott Phöbus.   


Die Nebensonnen, obwohl in einem anderen Kontext erschienen, führen auch die hellenistische Männer- oder Freundesliebe mit sich. Sind die „Kumpel“, Kameraden, Begleiter erst einmal „hinab“, stellt sich für den Hinterbliebenen der Wunsch nach einem „hintendrein“ ein. Das Bild vom Mann bedarf im höchsten Maße seiner spiegelbildlichen „Nebensonnen“. Nicht umsonst sind Fitnessstudios reinste Spiegelkabinette. Die Freundesliebe und die Cliquen- oder Gangzugehörigkeit funktionieren insbesondere über eine hoch narzisstische „Zurschaustellung trainierter Körper und deren Einsatz in gewalttätigen Handlungen“.[iv]


Peter Atanassow (Regie) und Jörn Hedtke (Musikalische Leitung) haben im Modul 3 des Projektes winterREISE mit dem Schwerpunkt Theaterproduktion eine breit aufgefächerte Reise durch die Szenarien von Männlichkeit, Jugendkult und Körperkultur, Erfolgsphantasien und Wünsche nach Ruhm und Ehre mit den Jugendlichen erarbeitet. Im Herbst 2014 sollen die neun in der JSA adaptierten Schubertlieder im Rahmen einer großen Bühnenpräsentation zusammengeführt in der JSA Berlin und an einem besonderen Ort in Berlin aufgeführt werden.


Bereits nach dem dritten Modul, das noch bis zum 22. März im Saal der JSA zu sehen und erleben ist, lässt sich sagen, dass die Mitspieler sich von ihrer eigenen Produktion mitreißen lassen. Sie bringen eine nie für möglich gehaltene Konzentration auf, sprechen einzeln oder im Chor, wie sie nie zuvor zu sprechen im Stande waren und bringen teilweise zum ersten Mal in ihrem Leben über eine mittelfristige Dauer eine Sache zu ende. Natürlich sind es nur 14 von weit über 300 Jugendlichen. Doch sie selbst werden erstmals zu positiven Vorbildern, die sich mit Fragen von Männlichkeit und Gewalt auseinander gesetzt haben.

 

Torsten Flüh

 

 

PS: Zum Persönlichkeitsschutz erscheinen hier keine Fotos von der Generalprobe am 10. März 2013. Stattdessen Fotos vom Tor 3 der JSA Berlin, die auch an Theben erinnern könnten.

 

winterREISE

Nebensonnen

15., 20. und 22. März 2013 jeweils um 17:30 Uhr

 

Jugendstrafanstalt Berlin

Friedrich-Olbricht-Damm 40

13627 Berlin

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[i] Aischylos: Die Perser. Sieben gegen Theben. (Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Emil Staiger). Stuttgart 1970 (2010). S. 71

[ii] Ebenda S. 72

[iii] Nebensonnen. Programmheft. (Redaktion & Gestaltung: aufBruch; Titel-Schriftzug: Mesut) S. 4

[iv] Spindler, Susanne: Corpus delicti. Männlichkeit, Rassismus und Kriminalisierung im Alltag jugendlicher Migranten. Münster 2006. Zitiert nach Nebensonnen. Programmheft